Freitag, 16. November 2018
Thema der Woche | 8. November 2018

Im "Haus auf Rädern" über die Seidenstraße

Konstantin Abert fuhr 35.000 Kilometer im Reisemobil
Foto: Konstantin Abert

Express: Herr Abert, wie kam die Idee zum Projekt "Seidenstraße" zustande?

Konstantin Abert: Es hat mich immer in den Osten gezogen, seit meinem 18. Lebensjahr. Ich bereiste die Seidenstraße das erste Mal, als noch die Sowjet­union existierte. Das war fantastisch aufregend und extrem abenteuerlich – kein Telefon, kein Navi, kein Treibstoff, leere Läden und marodierende Banden – ich sprach zudem kein Russisch oder Chinesisch. Immerhin war es recht günstig, in diesen wilden Zeiten unterwegs zu sein – ich reiste ja als Student. Der immer in mir schlummernde Traum, mit dem eigenen Fahrzeug auch und den chi­ne­si­schen Teil der Seidenstraße zu fahren, blieb zunächst ein Traum.

Express: Wie haben Sie sich auf ein solches Unternehmen vorbereitet?

Konstantin Abert: Nun, bis zum heutigen Tag bin ich bestimmt 10 Mal entlang der Seidenstraße mit diversen Reisemobilen gefahren. Da haben sich die Vor­be­reitungs­maßnahmen natürlich verfeinert. Große Zeit nimmt die Aufbereitung der Papiere für Mensch und Fahrzeug in Anspruch. Visa, Permits und die War­tung des Fahrzeugs, welches in technisch einwandfreiem Zustand sein soll. Das läuft meist ein halbes Jahr vor Tourstart an. Spezielle Impfungen braucht es nicht, man sollte das klassische Paket mit Polio, Typhus, Tetanus und Hepatitis haben.

Express: Worin liegen die Vorteile, die Tour mit dem Reisemobil anzugehen?

Konstantin Abert: Trotz des großen Aufwands, der langen Anfahrt, der schlechten Straßen, der zähen Warterei an den Grenzen und den teils hohen Kosten für eine Fahrt durch China gibt es für mich kein alternatives Reise­format. Ich habe schon Seidenstraßenhotelbetten gesehen, die so lausig waren, dass es nicht mal die Bettwanzen darin ausgehalten haben. Mit dem Reisemobil habe ich immer meine eigenen Bettwanzen, ... ich wollte sagen ... meine eigene Hygiene. Ich kann viel mitnehmen und mitbringen, was im Flugzeug oder Reise­bus nicht möglich wäre. Zudem ist es der hohe Grad an Flexibilität. Ich muss erst gar nicht ein Hotelzimmer suchen, sondern bleibe unterm Himmels­zelt der Kasachensteppe einfach stehen.

Express: Waren spezielle Umbauten für die Reise notwendig?

Konstantin Abert: Das Haus auf Rädern, wie die Einheimischen zu Reise­mobilen sagen, muss einfach technisch im gutem Zustand sein. Heutzutage sind es nicht mehr Wasserpumpen, Radlager oder Getriebe, die kaputtgehen. Eher meldet das Steuergerät Fehler und schickt das Fahrzeug in einen Notlauf, eine Art zwangsverordnete Langsamfahrt. Wohl dem, der dann ein Auslesegerät dabeihat und den Fehler zurücksetzen kann. Wir nehmen die klassischen Aus­tausch­teile wie Luft- und Treibstofffilter mit, ein Set Bremsklötze und natürlich die neueste Generation des Auslesegerätes.

Uigurischer Junge bei Kuqa, nördliches Tarimbecken
Foto: Konstantin Abert

Express: Isoliert man als Reisender im eigenen Wagen?

Konstantin Abert: Nur, wenn man ein komischer Vogel ist. Ein Haus auf Rädern ist ein Hingucker, ein Eisschmelzer, und schafft schnell Kontakte. Wer will, kann jeden Abend Gäste in seinem Fahrzeug haben. Oder als Gast eingeladen werden. Isoliert ist man im Reisebus, der von A nach B fährt und den Rest des Alphabets vergisst. Als Reisemobilist bin ich mitten drin im Alltag, muss tanken, Lebensmittel kaufen, nach dem Weg fragen und einen Nachtplatz suchen. Allein dadurch bin ich hautnah an Land und Leuten – nur der Fahr­rad­fahrer ist noch näher dran. Letztere bewundere ich – aber sicher ist, dass ich beim Wohnmobil als Reisemittel bleibe.

Express: Was waren die größten Herausforderungen auf 35.000 Kilometern?

Konstantin Abert: Die manchmal zähen Grenzen mit bis zu zwei Tagen Ein­reise­pro­zedere bei China. Die Zollvorschriften und korrupten Beamten, wenn wir Ersatzteile ins Land bringen. Das Tanken in Usbekistan, da es in diesem Land keinen flüssigen, sondern nur gasförmige Treibstoffe gibt. Wir legen uns für die 2000 Kilometer in Usbekistan Tanklager mit Hilfe unserer lokalen Teams an. Ja, und die teilweise schlechten Straßen in Mittelasien.

Express: Und die schönsten Momente?

Konstantin Abert: Statt Fünf Sterne im Hotel – die es übrigens auch ge­le­gent­lich gibt – haben wir 1 Million Sterne über uns am Nachthimmel der Steppen, Wüsten und Gebirge. Aufregende Streckenführungen in unbekannten Ab­schnit­ten der Seidenstraße sind absolute Highlights. So reisen wir auf den Hügeln der Lössebene durch ländliche Gebiete, wo uns Menschen entlang der Straße zu­winken, die zuvor noch nie einen Ausländer gesehenen haben. Und damit sind wir bei den allerschönsten Momenten. Es sind die spontanen herzlichen Begeg­nungen mit Chinesen, Mongolen, Tibetern, Uiguren, Kasachen, Kirgisen, Us­be­ken, Turkmenen, Persern, Türken, Armeniern und Georgiern, die wir niemals vergessen werden.

Express: Waren Sie eigentlich auch alleine unterwegs?

Konstantin Abert: Gelegentlich schon, aber ich bin nicht für die Einsamkeit ge­schaffen. Ich brauche immer jemanden zum Quatschen – wer dann redet, ist nicht so wichtig. Sich austauschen über die Erlebnisse des Tages ist etwas ganz Wichtiges.

Express: Wurde es auch einmal richtig kritisch?

Konstantin Abert: Richtig kritisch war es nur in den wilden 90er Jahren. Da wurden wir beklaut und überfallen und mit Waffen bedroht. Da hatten wir Schwierigkeiten, uns und unser Fahrzeug zu versorgen und wurden vom KGB verhaftet.

Wer es schafft, heutzutage in Westeuropa zu überleben, der kann sich getrost auch in die Länder der Seidenstraße trauen. Generell gilt, die Welt ist in Bezug auf Sicherheit für Reisende viel besser als ihr Ruf.

Express: Als interkontinentaler Handelskorridor feiert die "Neue Seiden­straße" eine Auferstehung. Was hat sich seit den Zeiten Marco Polos ge­ändert?

Konstantin Abert: Die Auferstehung der Seidenstraße beschränkt sich auf den chinesischen Teil. In den kleinen GUS-Staaten und im isolierten Iran ist davon nichts angekommen. Insgesamt hat sich seit Marco Polo aber überall viel getan. Die Transportwege und Versorgungslagen sind überall besser geworden und mit ihnen auch der Lebensstandard. Früher hatte nur jeder Vierte eine Reise entlang der Seidenstraße überlebt, heute ist die Quote viel besser ...

Kontraproduktiv sind schillernde Figuren wie Donald Trump, der als pauschaler Irangegner viele Friedensbemühungen torpedieren könnte. Trotz aller po­li­tisch­en Spannungen weltweit haben sich die Menschen entlang der Seidenstraße eins nicht nehmen lassen – ihre Wertschätzung des Gastes aus dem weiten, fernen Abendland.

Konstantin Abert berichtet über seine Reiseerlebnisse im Lichtbildvortrag "Abenteuer Seidenstraße" am Donnerstag, dem 29.11. um 19.30 Uhr im Marburger KFZ.

Interview: Michael Arlt

Tipp des Tages

Foto: Gardi
Hutter
Gardi Hutter

In ihrem aktuellen Programm "Gaia Gaudi" ist Clown-Komödiantin Gardi Hutter alias Hanna gleich von Anfang an tot. Das Publikum versteht das sofort, nur Hanna nicht. Von so etwas Unwichtigem lässt sie sich nicht aufhalten. Hannas Seele flattert so ungetrübt, dass der Körper sie genervt packt und hinüber bugsiert: Er hört das Rumoren der nächsten Generation. Der Tod ist, wie jeder Schlusspunkt, auch immer ein Anfang, und in diesem Sinne ein übergang: für Gläubige in eine andere Welt, für Wissenschaftler in einen anderen Zustand, und für Theaterleute in eine andere Phantasie. Es geht um Wurzeln und um Flügel. Um Beständigkeit und Erneuerung, um den großen Strom von Generationen, die das Leben immer weitergeben – und sich ab und zu auch auf die Köpfe hauen. Und da eine Clownin, eine Sängerin, eine Tänzerin und ein Perkussionist diese Geschichte erzählen, wird der Abend voller Über­raschungen sein.
Fr 16.11. | 20 Uhr | Marburg | KFZ
 
Tipp der Woche

Foto: Jason
Krüger
Bukahara

Eine Band. Vier Musiker. Drei Kontinente. Stimmen und Songs, die eine geradezu magische Anziehungskraft erzeugen: Bukahara ver­einen die Freude am Mischen von Stilen mit den ins­tru­men­ta­len Fähigkeiten akademischer Musiker. So entsteht eine welt­läufige, entspannte, aber dennoch raffiniert gespielte Pop­musik, die in Deutschland selten geworden ist. Mit dem Einsatz von Geige, Kontrabass, akustischer Gitarre, unterschiedlichster Perkussion und Posaune sorgen Bukahara für eine ganz eigene Note in Folk, Weltmusik und Pop. Da erklingen zwischen Gypsy-Jazz, Balkan-Sound und Swing auch gerne mal Songs, wie sie die frühen Mumford & Sons geschrieben haben könnten. Dass Swing, Folk, Reggae und Arabic-Balkan keine Wider­sprüche sein müssen, beweisen die Multi-Instrumentalisten mit viel akustischer Gewandtheit und großer Leidenschaft. Doctor Karpula aus Bogota/Kolumbien präsentieren im Support eine kraftvolle Mischung aus Punk, Cumbia, Ska, Hip Hop und Reggae mit anspruchsvollen Texten in einer Liveshow auf höchstem Niveau.
Mi 21.11. | 20.30 Uhr | Marburg | KFZ
 
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