Samstag, 25. Februar 2017
Thema der Woche | 23. Februar 2017

Zoff im Betriebsrat

Viel Ärger vor der Neuwahl der Arbeitnehmervertreter im Uniklinikum
Foto: Coordes

Zerstritten ist der Betriebsrat des Marburger Universitätsklinikums schon seit Jahren. Ungezählte Gespräche auf allen Ebenen, freundliche und böse Briefe, selbst eine Mediation – nichts half. Nach einem knapp gescheiterten Abwahl­antrag, einer Solidaritätskundgebung und einem Flugblatt mit schweren Vorwürfen ist das Gremium nun zurückgetreten. Ende März wird neu gewählt. Neue Spitzenkandidaten sind bislang aber nicht dabei.

Worum es geht, ist von außen kaum zu verstehen. "Macht", sagt Verdi-Gewerkschaftssekretär, Fabian Rehm. "Es geht um die Transparenz und den Umgang mit Informationen", sagt Franz-Josef Schmitz vom Marburger Bund. "Es sind einfach zu viele Durchgeknallte im Betriebrat", urteilt ein Insider, der lieber ungenannt bleiben möchte.

Im Zentrum der Kritiker stehen die Betriebsratsvorsitzende Bettina Böttcher und ihr Stellvertreter, der 28-jährige Krankenpfleger Björn Borgmann, der auch Konzernbetriebsratsvorsitzender ist. Beide sind Mitglieder der Gewerkschaft Verdi. Böttcher, die seit mehr als 30 Jahren für die Beschäftigten aktiv ist und seit 2005 als Betriebsratsvorsitzende wirkt, kommt aus dem Arbeiterbereich. Die gelernte Schriftsetzerin arbeitete bis zu ihrer Freistellung in der inzwischen geschlossenen Wäscherei des Uni-Klinikums. Verdi-Gewerkschaftssekretär Rehm sieht in ihrer Herkunft einen Grund für die Querelen. Und er ergänzt: "Ich glaube nicht, dass man sich bei einem Mann genauso verhalten hätte."

Ihr Widersacher bei der Ärztegewerkschaft Marburger Bund, Dr. Franz-Josef Schmitz, arbeitet seit Jahrzehnten als Oberarzt und Gynäkologe am Klinikum. Er hat den Antrag auf Abwahl der Vorsitzenden und auf Entzug ihrer Freistellung und der ihres Stellvertreters Borgmann gestellt. Er bezeichnet dies als einen "völlig normalen, demokratischen Vorgang". Als Grund nennt er die Amtsführung der Vorsitzenden und verweist auf ein anonymes Flugblatt, das im Klinikum verteilt und von namentlich nicht genannten Betriebsratsmitgliedern aller drei Listen herausgegeben wurde. Darin wird der Betriebsratsspitze vorgeworfen, dass die E-Mail-Konten des Gremiums so eingerichtet worden seien, dass sie auch auf den persönlichen Mail-Verkehr Zugriff gehabt habe. Mails seien Außenstehenden zugänglich gemacht worden. Zudem habe Böttcher notwendige Informationen sowie Briefe und Protokolle zurückgehalten.

"An den Vorwürfen ist nichts dran", sagt Gewerkschaftssekretär Rehm, der den Vorstoß als "Putschversuch" bezeichnete. Bei einer Untersuchung aller Computer durch den Arbeitgeber sei herausgekommen, dass es keine unberechtigten Zugriffe auf Rechner gegeben habe: "Es lässt sich nichts finden, dass auf irgendein Fehlverhalten hindeutet", sagt Rehm. Schmitz widerspricht: Die entscheidenden Fragen seien gar nicht untersucht worden.

Unterdessen betont die Dachorganisation des Marburger Bundes in Hessen, dass auch Mitglieder anderer Listen hinter dem Abwahlantrag gestanden hätten – darunter auch Mitglieder von Verdi sowie von freien Listen. Verdi ist mit 14 Mitgliedern die stärkste Liste, der Marburger Bund hat sieben Mitglieder, die freie Liste sechs. Sprecherin Kerstin Mitternacht betont: "Der Marburger Bund betreibt keine Abwahl eines Betriebsrats."

Die Wahl ging tatsächlich so knapp aus, dass auch Verdi-Mitglieder mit den Kritikern gestimmt haben müssen. Noch am Tag zuvor gab es eine Solidaritäts­kundgebung für Böttcher und Borgmann. Dass es auch innerhalb der eigenen Liste Knatsch gibt, weiß Rehm. Kritiker aus den eigenen Reihen seien unzu­frieden über die Verteilung der Plätze bei der letzten Aufsichtsratswahl gewesen. In dem Kontrollgremium sind Bettina Böttcher und Björn Borgmann aus Marburg sowie Klaus Hanschur aus Gießen vertreten.

Im Anschluss an die gescheiterte Abwahl trat der Betriebsrat geschlossen zurück. "Das ist kein Gremium, das sich mit sich selbst zu beschäftigen hat", erklärt Borgmann. Deshalb hätten sie schon im Vorfeld Neuwahlen vor­ge­schlagen: "Wenn es Zoff gibt, muss man die Beschäftigten fragen." Er hofft, dass es nun vor allem um Themen und nicht um Personen geht. Für vordringlich hält er vor allem die Sicherung des Standortes Marburg. Schließlich sei der Arbeit­geber zurzeit der "größte Nutznießer der Eskapade ".

Ob der Betriebsrat aus einer Neuwahl gestärkt hervorgeht, ist allerdings noch offen. So weit bekannt, wollen die Hauptbeteiligten alle wieder kandidieren.

Gesa Coordes

Tipp des Tages

Foto: Hessisches
Landestheater
Romeo und Julia

"Kein Leidensweg war schlimmer irgendwo, als der von Julia und von Romeo", sagt der Fürst am Ende der Geschichte über Liebe, Macht und Tod. Es ist das bekannteste Drama Shakespeares, das das Hessische Landestheater Marburg ab Februar unter Regie von Matthias Faltz auf die große Bühne des Erwin-Piscator-Hauses bringt. Das Stück ist keine gängige Lovestory, nur sentimental, nur romantisch und rührend. Es ist widersprüchlich, schrill, boshaft, gemein, ordinär, zart, lyrisch, derb und gestelzt, und dabei von einer zu Tränen rührenden Innigkeit und Ehrlichkeit beseelt. Das Hessische Landestheater gibt William Shakespeares Romeo und Julia ab
Sa 25.2. | 19.30 Uhr | Marburg | Erwin-Piscator-Haus
 
Tipp der Woche

Foto: Waggon-
halle
Michael Fitz

Wie in all seinen Solo-Programmen seit 2008, geht es dem eigen­willigen Schau­spieler und Musiker Michael Fitz bei "Des Bin I" einmal mehr ums Private. Auch und vor allem die Art von Privatem, über die keiner gerne spricht. Noch nicht mal beim Friseur und schon gar nicht auf Bühnen und in Liedform. Das ist das Ding des bayrischen Song-Poeten. Manche mögen denken, wie kann man sich in diesen Zeiten, wo uns die große weite Welt beinah täglich um die Ohren fliegt und all das immer näher an uns heran rückt, ums Private drehen? Sollte man, sagt Michael Fitz und tut es, auf so eindringliche wie unterhaltsame Weise.
Mi 1.3. | 20 Uhr | Marburg | Waggonhalle
 
Live – Kommende Highlights

Foto: S-Promotion
Nicolai Friedrich

Er zaubert nicht nur, er verzaubert und fesselt mit seiner Aus­strah­lung,seinem Charme und seinem komö­di­antischen Talent: Nicolai Friedrichs Repertoire reicht von ausgewählten klassischen Kunststücken der alten Meister bis hin zu neu entwickelten Eigenkreationen, die kein anderer Magier der Welt vorführt. Er nimmt sein Publikum mit auf eine Reise in eine andere Wirklichkeit und setzt scheinbar mühelos Naturgesetze außer Kraft. Gegenstände schweben, verwandeln sich oder tauchen an unmöglichen Orten wieder auf, Zeichnungen erwachen zum Leben, und wie selbstverständlich liest Nicolai Friedrich als Mentalmagier auch Gedanken.
Do 9.3. | 19 Uhr | Wetzlar | Stadthalle
Freikartenverlosung: Fr 3.3. | 16 Uhr | Tel. 06421/684443
 

Foto: S-Promotion
Abdelkarim

Abdelkarim wusste jahrelang nicht, was er eigentlich ist. Ein deutscher Marokkaner, ein marokkanischer Deutscher oder einfach nur abschiebewürdig? Mittlerweile weiß er es: Er ist ein Deutscher, gefangen im Körper eines Grabschers. Von der Jugend­kultur über das Leben in der Bielefelder Bronx bis hin zu tages­aktuellen und ge­sell­schafts­politischen Themen spinnt Abdelkarim mit seinem aktuellen Programm "Staatsfreund Nr. 1" gleichermaßen irritierende wie fein­sinnige Geschichten. Ist das nun Comedy oder Kabarett? Es ist vor allem eins: saukomisch.
Fr 7.4. | 20 Uhr | Gießen | Kongresshalle
Freikartenverlosung: Fr 3.3. | 16 Uhr | Tel. 06421/684443
 

Antilopen Gang

Ihre Konzerte sind bewusst­seins­erweiternde Gruppen­therapien: Irgendwo zwischen Drama, Komödie und Actionfilm reißt die Antilopen Gang auch live bekanntlich immer alles ab. Abend für Abend werden die Grenzen des HipHop-Kosmos neu ausgelotet und überschritten. Auf dem Weg in unbekannte Weiten wird die Antilopen Gang auch 2017 die Bretter, die die Welt bedeuten, als Schlagwaffen benutzen.
Mo 6.3. | 20.30 Uhr | Marburg | KFZ
 
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