Freitag, 19. Oktober 2018
Thema der Woche | 4. Oktober 2018

Oase für Selbsthilfe statt Anstaltsmauern

Die Bürgerinitiative Sozialpsychiatrie – Foto: BI Sozialpsychatrie

"Wenn ich unterwegs bin und sage, ich arbeite bei der BI, kommt oft die Frage 'Wer seid denn ihr?'", wundert sich Michael Kessler. "Obwohl wir seit 45 Jahre neben der Lebenshilfe mit der älteste Träger hier vor Ort sind, was diese Arbeit anbelangt. Der Bekanntheitsgrad ist ausbaufähig", so der geschäftsführende Vorstand der BI Sozialpsychiatrie.

Von der Organisation und der rechtlichen Struktur her ein von Mitgliedern ge­tra­gener Verein, ist die "Bürgerinitiative für soziale Rehabilitation und zur Vor­beugung psychischer Erkrankungen e.V.", kurz: Bürgerinitiative Sozial­psychia­trie e.V., ganz kurz: BI Sozialpsychiatrie, 1973 gestartet. Ziel: Beizutragen zur sozialen und beruflichen Rehabilitation psychisch Kranker und seelisch Behin­derter. Daran hat sich in den vergangenen Jahrzehnten wenig geändert. "Von der Struktur ist es nach wie vor ein Verein mit den entsprechenden Organen", erläutert Michael Kessler. Es gibt die Mitgliederversammlung, es gibt einen von ihr gewählten Aufsichtsrat. "Vor gut 12 Jahren haben wir ein stückweit pro­fessionalisiert." Mit Kessler wurde ein hauptamtlich geschäftsführender Vor­stand installiert, der sowohl nach innen wie nach außen rechtlich den Verein vertritt.

Oberstes Organ der BI Sozialpsychiatrie ist nach wie vor die Mitglieder­ver­sammlung. Dort werden Grundsatzbeschlüsse gefasst, Ausrichtung und Ziele festgelegt, auch die Verfolgung der Ideale, für die der Verein dereinst gestartet ist. Da wirkten zu Gründungszeiten noch Spät-68er-Gedanken. Nach den Lehren aus den Gräueln der NS-Psychiatrie ging es um Veränderungen ge­sell­schaftlicher Art. "Wie bekommen wir psychisch Kranke und seelisch behinderte Menschen in unsere Gesellschaft integriert", fasst Kessler die Kernfrage zu­sammen. Schließlich beschränkten in den ersten Jahren nach dem Krieg noch die sprichwörtlichen "Anstaltsmauern" die Psychiatrie. Krankenhäuser mit Langzeitstationen, anonyme Bettenhäuser und insgesamt eine schwierige Unterbringungs- und Behandlungssituationen für psychisch Kranke.

Aus studentischer Bewegung heraus, aber auch von Interessierten auch aus dem Bereich von Kliniken und Ärzteschaft, die sich schrittweise der sozialen Psychiatrie genähert haben, gab es Bestrebungen, dieses System aufzubrechen. Europaweit, und auch in Marburg. Und nicht ohne Widerstände. "Es ist teilweise heute noch so, dass psychisch Kranke in unserer Gesellschaft stigmatisiert sind. Wenn man zurückdenkt, spielte auch der Widerstand der jungen Leute gegen Establishment und gegen Eltern eine Rolle", erinnert sich Michael Kessler. Das damalige linke Marburger Milieu war da als Geburthelfer zuträglich.

"Ziel war es immer gewesen, in die Gemeinde, in die Stadt zu gehen – nicht aufs Land oder an die Peripherie, sondern wirklich mittendrin zu sein." Kon­se­quen­ter­weise erwarb der Verein gleich zu Beginn im Sauersgässchen eine Immobilie, um dort, unterhalb des Landgrafenschlosses, die ersten Geh­ver­suche zu machen, Wohn- und Betreuungsideen zu entwickeln und vieles aus­zuprobieren. "Es gab noch keine wirklichen Konzepte, es wurde alles in den frühen Jahren entwickelt, auch aus der Expertise der Betroffenen heraus. Das war sicherlich eine spannende Zeit", mutmaßt Kessler, selbst seit 30 Jahren im Unternehmen. Aber auch eine Zeit der Spannungen, Spaltungen, Extrem­positionen. Richtungsweisende, wenn auch nicht unumstrittene Entscheidung war, sehr früh Mitglied im Wohlfahrtsverband der Diakonie zu werden. "Aus heutiger Sicht war das eine gute Entscheidung, das hat die Entwicklung des Vereines sehr befördert", sagt Kessler zu dem Anschluss an einen kirchennahen Verband.

Denn Mitte der achtziger Jahre war der Verein wirtschaftlich in Schieflage geraten und es war klar, dass nicht nur fachinhaltliche Kompetenz benötigt wird, sondern auch betriebswirtschaftliche. Kessler, von der Ausbildung her Kaufmann, bekam zunächst ein Anstellung als Verwaltungsleiter, avancierte nach wenigen Jahren zum Geschäftsführer des Vereines und ist seit 2006 Alleinvorstand. Fing die BI mit wenigen Ehrenamtlichen an, mit Be­schäf­ti­gungs­maß­nahmen und geförderten Einstiegen ins Berufsleben, im wesentlichen von Akademikern, Sozialarbeitern, Soziologen, so kümmern sich aktuell rund 100 haupt- und nebenamtliche Mitarbeiter, überwiegend aus dem Bereich der Sozialarbeit – Sozialpädagogen, Ergotherapeuten, Psychologen, aber auch angestellte Ärzte – um die Belange von über 500 Betroffenen in drei Ressorts.

Da ist zunächst der Bereich Wohnen. Stationär betreibt die BI drei feste Stand­orte als Wohnheime im klassischen Sinne, zwei in Marburg, eins in Wetter. Dazu kommt das ambulante Wohnen, hier werden zur Zeit rund 180 Personen betreut. Der zweite inzwischen ausgebaute Bereich bilden die Kontakt- und Beratungsstellen in Marburg, Biedenkopf und Wetter. "Das geht von der psycho­sozialen Beratung hin zu Schuldnerberatung und Jugenddrogenberatungsstelle für junge Erwachsene", so Kessler. Den dritten Bereich umfassen Re­ha­bi­li­ta­tions­ein­richtungen wie beispielsweise in der Marburger Deutschhausstraße. Dort gibt es ein spezielles Programm von schnellen Maßnahmen, das von Rentenversicherungen und Krankenkassen gefördert wird.

Es gibt verschiedene Zugangswege zur BI Sozialpsychiatrie. "Klassisch ist sicherlich die Zuweisung aus stionären Kliniksaufenthalten oder über Haus- oder Facharztpraxen", sagt Kessler und verweist darauf, dass nicht wenige junge Menschen, die hierherkommen, im Zuge ihres Studium und den damit einhergehenden Umbrüchen im Leben psychisch erkranken. "Wir haben einige bei uns, die noch am Studieren sind, aber auch Studienabbrecher, die den Anforderungen und Belastungen nicht gewachsen sind."

Die Inanspruchname von Hilfe setzt allerdings Kenntnisse der Angebots­landschaft voraus und eine gewisse öffentliche Präsenz voraus. Insofern liegt Kessler, der im nächten Jahr in den Ruhestand gehen wird, ein spezielles Projekt besonders am Herzen: die Planung und Umsetzung einer Demenz-Wohngemeinschaft, einer Wohngruppe für ältere Menschen mit Demenz­erkrankung. "Das war neu für uns und ein tolles Lernfeld, so etwas mit dem Eigentümer baulich, räumlich, inhaltlich zu konzipieren." In Vernetzung mit der Marburger Altenhilfe entstand ein Wohnobjekt, in dem neun Leute gemein­schaftlich leben, selbstverwaltet von den Angehörigen, die Pflege, Haus­wirt­schaft, Verpflegung und alles, was dazugehört organisieren. Daraus zu lernen sei die Überlegung, wie man einmal in ähnlicher Form für psychisch kranke, älter gewordene Menschen eine adäquate Versorgung herstellen kann, die oftmals in der klassischen Altenhilfe fehlplaziert sind. "Das ist so eine Art Leuchtturmprojekt, ein Highlight, in das der Verein viel Geld gesteckt hat." Und das dafür die Wahrnehmung und die Anerkennung der BI in der Stadt­ge­sell­schaft nachhaltig positiv bestätigt. "Das hat unsere Reputation noch einmal ein bisschen gehoben."

Rückblickend bilanziert Kesser der BI ein gutes Umsetzen des Vereins­auf­trages, der ihr 1973 mit der Gründung auf den Weg gegeben wurde. "Selbst­verständlich kann man Gutes immer noch besser machen, wir arbeiten da dran." Ein Qualitätsmanagement wurde installiert, es gibt Tariflöhne, was mittlerweile auch im Bereich der Diakonie eher selten geworden ist. Dennoch sorgt Michael Kesser sich um Akzeptanz von sozialer Arbeit. "Wir sind ein Stückweit von gesellschaftlicher Entwicklung abgehängt. Das haben wir übergreifend im Bereich Pflege – chronisch schlechte Bezahlung, wenig Anerkennung und Wertschätzung. Ganz schwierig."

www.bi-marburg.de

Michael Arlt

Tipp des Tages

Foto: Martin
Hutchinson
Martin Hutchinson

Singer/Songwriter Martin Hutchinson stammt aus einer musikalischen Familie im irischen County Kildare. Schon in jungen Jahren spielte er in der Familienband zunächst Akkordeon, dann zunehmend Gitarre. Später zog es ihn in die irische Folk- und Rockszene nach Dublin, bis er schließlich zunächst nach London aus­wan­derte. Heute lebt der Musiker in Utrecht, regelmäßig zieht es ihn aber zurück nach Irland, wo er immer wieder Inspiration für neue Songs findet. Seine Spiel auf der Stahlsaitengitarre ist geprägt durch ein klares Fingerpicking und bluesige Slides. Amerikanische Blueseinflüsse verbindet er mühelos mit irischer Folktradition. Seine warme, prägnante Stimme erlaubt Vergleiche, beispielsweise mit der Folklegende Christy Moore. Auf der Bühne gewinnt Martin Hutchinson sein Publikum schnell mit Charme und augenzwinkerndem Humor.
Fr 19.10. | 20 Uhr | Marburg | TurmCafé
 
Tipp der Woche

Foto: Nati
Seit 2010

Seit 2010 experimentiert die Schweizer Band Ghost Town mit der Transformation kommerzieller Popmusik hin zur Neu­inter­pre­tation ins Reich der freien Improvisation. Dies wird in den ersten sechs Jahren als Gitarrentrio umgesetzt und 2016 durch Joana Aderi – Gesang und experimental electronics – erweitert mit Murderballads, Seashanties, Lovesongs und Liedern aus der Zeit der großen Depression 1929. Diese und weitere Themen bilden die Basis der amerikanischen Blues- und Countrymusic der 1920er bis 1940er Jahre, und die Band zelebriert diese American Roots Music mit improvisatorischer Frische, fetten Grooves und einer ordentlichen Prise schwarzen Humors.
Di 23.10. | 20.30 Uhr | Marburg | Cavete
 
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