Dienstag, 11. Dezember 2018
Thema der Woche | 4. Oktober 2018

Oase für Selbsthilfe statt Anstaltsmauern

Die Bürgerinitiative Sozialpsychiatrie – Foto: BI Sozialpsychatrie

"Wenn ich unterwegs bin und sage, ich arbeite bei der BI, kommt oft die Frage 'Wer seid denn ihr?'", wundert sich Michael Kessler. "Obwohl wir seit 45 Jahre neben der Lebenshilfe mit der älteste Träger hier vor Ort sind, was diese Arbeit anbelangt. Der Bekanntheitsgrad ist ausbaufähig", so der geschäftsführende Vorstand der BI Sozialpsychiatrie.

Von der Organisation und der rechtlichen Struktur her ein von Mitgliedern ge­tra­gener Verein, ist die "Bürgerinitiative für soziale Rehabilitation und zur Vor­beugung psychischer Erkrankungen e.V.", kurz: Bürgerinitiative Sozial­psychia­trie e.V., ganz kurz: BI Sozialpsychiatrie, 1973 gestartet. Ziel: Beizutragen zur sozialen und beruflichen Rehabilitation psychisch Kranker und seelisch Behin­derter. Daran hat sich in den vergangenen Jahrzehnten wenig geändert. "Von der Struktur ist es nach wie vor ein Verein mit den entsprechenden Organen", erläutert Michael Kessler. Es gibt die Mitgliederversammlung, es gibt einen von ihr gewählten Aufsichtsrat. "Vor gut 12 Jahren haben wir ein stückweit pro­fessionalisiert." Mit Kessler wurde ein hauptamtlich geschäftsführender Vor­stand installiert, der sowohl nach innen wie nach außen rechtlich den Verein vertritt.

Oberstes Organ der BI Sozialpsychiatrie ist nach wie vor die Mitglieder­ver­sammlung. Dort werden Grundsatzbeschlüsse gefasst, Ausrichtung und Ziele festgelegt, auch die Verfolgung der Ideale, für die der Verein dereinst gestartet ist. Da wirkten zu Gründungszeiten noch Spät-68er-Gedanken. Nach den Lehren aus den Gräueln der NS-Psychiatrie ging es um Veränderungen ge­sell­schaftlicher Art. "Wie bekommen wir psychisch Kranke und seelisch behinderte Menschen in unsere Gesellschaft integriert", fasst Kessler die Kernfrage zu­sammen. Schließlich beschränkten in den ersten Jahren nach dem Krieg noch die sprichwörtlichen "Anstaltsmauern" die Psychiatrie. Krankenhäuser mit Langzeitstationen, anonyme Bettenhäuser und insgesamt eine schwierige Unterbringungs- und Behandlungssituationen für psychisch Kranke.

Aus studentischer Bewegung heraus, aber auch von Interessierten auch aus dem Bereich von Kliniken und Ärzteschaft, die sich schrittweise der sozialen Psychiatrie genähert haben, gab es Bestrebungen, dieses System aufzubrechen. Europaweit, und auch in Marburg. Und nicht ohne Widerstände. "Es ist teilweise heute noch so, dass psychisch Kranke in unserer Gesellschaft stigmatisiert sind. Wenn man zurückdenkt, spielte auch der Widerstand der jungen Leute gegen Establishment und gegen Eltern eine Rolle", erinnert sich Michael Kessler. Das damalige linke Marburger Milieu war da als Geburthelfer zuträglich.

"Ziel war es immer gewesen, in die Gemeinde, in die Stadt zu gehen – nicht aufs Land oder an die Peripherie, sondern wirklich mittendrin zu sein." Kon­se­quen­ter­weise erwarb der Verein gleich zu Beginn im Sauersgässchen eine Immobilie, um dort, unterhalb des Landgrafenschlosses, die ersten Geh­ver­suche zu machen, Wohn- und Betreuungsideen zu entwickeln und vieles aus­zuprobieren. "Es gab noch keine wirklichen Konzepte, es wurde alles in den frühen Jahren entwickelt, auch aus der Expertise der Betroffenen heraus. Das war sicherlich eine spannende Zeit", mutmaßt Kessler, selbst seit 30 Jahren im Unternehmen. Aber auch eine Zeit der Spannungen, Spaltungen, Extrem­positionen. Richtungsweisende, wenn auch nicht unumstrittene Entscheidung war, sehr früh Mitglied im Wohlfahrtsverband der Diakonie zu werden. "Aus heutiger Sicht war das eine gute Entscheidung, das hat die Entwicklung des Vereines sehr befördert", sagt Kessler zu dem Anschluss an einen kirchennahen Verband.

Denn Mitte der achtziger Jahre war der Verein wirtschaftlich in Schieflage geraten und es war klar, dass nicht nur fachinhaltliche Kompetenz benötigt wird, sondern auch betriebswirtschaftliche. Kessler, von der Ausbildung her Kaufmann, bekam zunächst ein Anstellung als Verwaltungsleiter, avancierte nach wenigen Jahren zum Geschäftsführer des Vereines und ist seit 2006 Alleinvorstand. Fing die BI mit wenigen Ehrenamtlichen an, mit Be­schäf­ti­gungs­maß­nahmen und geförderten Einstiegen ins Berufsleben, im wesentlichen von Akademikern, Sozialarbeitern, Soziologen, so kümmern sich aktuell rund 100 haupt- und nebenamtliche Mitarbeiter, überwiegend aus dem Bereich der Sozialarbeit – Sozialpädagogen, Ergotherapeuten, Psychologen, aber auch angestellte Ärzte – um die Belange von über 500 Betroffenen in drei Ressorts.

Da ist zunächst der Bereich Wohnen. Stationär betreibt die BI drei feste Stand­orte als Wohnheime im klassischen Sinne, zwei in Marburg, eins in Wetter. Dazu kommt das ambulante Wohnen, hier werden zur Zeit rund 180 Personen betreut. Der zweite inzwischen ausgebaute Bereich bilden die Kontakt- und Beratungsstellen in Marburg, Biedenkopf und Wetter. "Das geht von der psycho­sozialen Beratung hin zu Schuldnerberatung und Jugenddrogenberatungsstelle für junge Erwachsene", so Kessler. Den dritten Bereich umfassen Re­ha­bi­li­ta­tions­ein­richtungen wie beispielsweise in der Marburger Deutschhausstraße. Dort gibt es ein spezielles Programm von schnellen Maßnahmen, das von Rentenversicherungen und Krankenkassen gefördert wird.

Es gibt verschiedene Zugangswege zur BI Sozialpsychiatrie. "Klassisch ist sicherlich die Zuweisung aus stionären Kliniksaufenthalten oder über Haus- oder Facharztpraxen", sagt Kessler und verweist darauf, dass nicht wenige junge Menschen, die hierherkommen, im Zuge ihres Studium und den damit einhergehenden Umbrüchen im Leben psychisch erkranken. "Wir haben einige bei uns, die noch am Studieren sind, aber auch Studienabbrecher, die den Anforderungen und Belastungen nicht gewachsen sind."

Die Inanspruchname von Hilfe setzt allerdings Kenntnisse der Angebots­landschaft voraus und eine gewisse öffentliche Präsenz voraus. Insofern liegt Kessler, der im nächten Jahr in den Ruhestand gehen wird, ein spezielles Projekt besonders am Herzen: die Planung und Umsetzung einer Demenz-Wohngemeinschaft, einer Wohngruppe für ältere Menschen mit Demenz­erkrankung. "Das war neu für uns und ein tolles Lernfeld, so etwas mit dem Eigentümer baulich, räumlich, inhaltlich zu konzipieren." In Vernetzung mit der Marburger Altenhilfe entstand ein Wohnobjekt, in dem neun Leute gemein­schaftlich leben, selbstverwaltet von den Angehörigen, die Pflege, Haus­wirt­schaft, Verpflegung und alles, was dazugehört organisieren. Daraus zu lernen sei die Überlegung, wie man einmal in ähnlicher Form für psychisch kranke, älter gewordene Menschen eine adäquate Versorgung herstellen kann, die oftmals in der klassischen Altenhilfe fehlplaziert sind. "Das ist so eine Art Leuchtturmprojekt, ein Highlight, in das der Verein viel Geld gesteckt hat." Und das dafür die Wahrnehmung und die Anerkennung der BI in der Stadt­ge­sell­schaft nachhaltig positiv bestätigt. "Das hat unsere Reputation noch einmal ein bisschen gehoben."

Rückblickend bilanziert Kesser der BI ein gutes Umsetzen des Vereins­auf­trages, der ihr 1973 mit der Gründung auf den Weg gegeben wurde. "Selbst­verständlich kann man Gutes immer noch besser machen, wir arbeiten da dran." Ein Qualitätsmanagement wurde installiert, es gibt Tariflöhne, was mittlerweile auch im Bereich der Diakonie eher selten geworden ist. Dennoch sorgt Michael Kesser sich um Akzeptanz von sozialer Arbeit. "Wir sind ein Stückweit von gesellschaftlicher Entwicklung abgehängt. Das haben wir übergreifend im Bereich Pflege – chronisch schlechte Bezahlung, wenig Anerkennung und Wertschätzung. Ganz schwierig."

www.bi-marburg.de

Michael Arlt

Tipp des Tages

Foto: Janine
Guldener
Andreas Rebers

Onkel Andi kommt, um mit dem Publikum Weihnachten zu feiern. Und er kommt nicht allein. Und Andreas Rebers bringt viele Freunde mit: den niedersächsischen Fliesenleger, Frau Flüchtling aus Syrien, Paddy O'Shonassey aus Irland und jede Menge Clowns, die uns das Leben schwer machen wollen. Aber es sollen auch selbst geschriebene Weihnachtslieder ge­schmet­tert werden, an die Kunst der Fuge von J.S. Bach er­in­nert und gute Fragen gestellt: Warum gibt es im Christentum nur Be­sche­rung und keine Beschneidung? Stimmt es, dass Salafisten in Deutschland Weih­nachts­geld bekommen und es sogar annehmen, ohne, dass sie sich in ihren religiösen Gefühlen verletzt fühlen? Was wollen die Deutschen an den Feier­tagen wirklich? Weihnachten, das ist das Fest der Liebe, aber es wird eben auch zum Showdown für Junggesellen und Kleinfamilien, die sich in der Welt des Konsums nicht mehr zurechtfinden. Hier hilft oft nur ein gut gemachter Exor­zis­mus, und genau der wird an diesem Abend stattfinden. "Weihnachten mit Onkel Andi", eine kabarettistische Betrachtung des Weihnachtsfestes, wird beschert
Di 11.12. | 20 Uhr | Marburg | KFZ
 
Tipp der Woche

Foto: Tim Ilskens
Jan Weiler

Inzwischen unterhält es seine Umwelt gleich in zweifacher Ausfertigung: Während Carla den Führerschein macht und mit ihrem Vater über die Preise von WG-Zimmern debattiert, hat sich Nick zum Parade-Exemplar entwickelt. Das männliche Pubertier besticht durch faszinierende Einlassungen zu den Themen Mädchen, Umwelt und Politik sowie durch seine anhaltende Be­geis­te­rungs­fähig­keit für ganz schlechtes Essen und seltsame Musik. Er wächst wie entfesselt und trägt T-Shirts und Frisuren, die uns dringend etwas sagen wollen. Natürlich spielt im dritten Teil von Jan Weilers Pubertier-Saga "Und ewig schläft das Pubertier" die Liebe eine immer größer werdende Rolle sowie Haut­un­reinheiten. Im Pubertierlabor werden über einen möglichen Zusammenhang beider Phänomene Mutmaßungen angestellt sowie über all die anderen großen und kleinen Hervorbringungen der Pubertät. Es geht zudem um Urlaub, Schule, schlechte Vorbilder und gute Einflüsse. Und um die Frage, wann diese ver­fluch­te Pubertät eigentlich aufhört ...
Mi 12.12. | 20 Uhr | Marburg | Waggonhalle
 
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