Freitag, 19. Oktober 2018
Thema der Woche | 27. September 2018

Oase für Baumveteranen gerettet

Der Freundeskreis Alter Botanischer Garten – Foto: Coordes

Ohne sie gäbe es kaum eine Ruhebank, nur einen verwilderten Heil­kräuter­garten und einige Baumveteranen weniger. "Rettet den Alten Botanischen Garten", lautete der Slogan, unter dem sich der Freundeskreis für das Garten­denkmal im Herzen der Stadt vor exakt 25 Jahren zusammengefunden hat. Sein Ziel: Den Park als "Oase der Ruhe und Entspannung" dauerhaft zu erhalten.

Angesichts der mit großer Sorge betrachteten Eröffnung der Neuen Uni­ver­si­täts­bibliothek am Rand des Gartens gibt der Verein aktuell vorsichtige Ent­warnung: Dass damit jeden Tag Tausende von Studierenden und Uni-Mit­ar­bei­tern auf das Areal strömen, hatte bislang keine dramatischen Auswirkungen, berichtet die Vorsitzende Bärbel Kaufmann: "Es ist längst nicht so schlimm, wie wir es erwartet haben."

Allerdings hat der Verein auch intensiv darum gekämpft. "Bis wir den In­gen­ieuren klar ge­macht hatten, dass Bäume Wasser brauchen, hat es lange ge­dauert", sagt Kaufmann. Doch schließlich richtete die Hochschule während des Baus der Neuen Uni-Bibliothek ein temporäres Bewässerungssystem ein. Mit einer eigens eingerichteten Pumpstation am Mühlgraben wurden die ge­fähr­de­ten Bäume bewässert. Davon profitierten die seltenen Bäume auch in diesem äußerst trockenen Jahr noch.

Die Aktiven achteten auch darauf, dass die Wege so angelegt beziehungsweise versperrt wurden, dass es möglichst wenig "Durchgangsverkehr" in der "Grünen Lunge Marburgs" gibt. Trotzdem bevölkern seit der Eröffnung der Bibliothek im Frühjahr viel mehr Studierende als früher den Garten. Vor allem im Frühjahr, wenn die Wiesen mit Krokussen, Märzenbecher und sogar Schachbrettblumen und Wildtulpen übersät werden, sind ihnen ausgebreitete Picknickdecken ein Graus. Kaufmann stellte kurzerhand ein Schild auf: "Geschützte Wildpflanzen", war dort zu lesen: "Bitte diese Wiese nicht betreten." Das funktionierte einiger­maßen.

Im Freundeskreis Alter Botanischer Garten mit seinen mehr als 70 Mitgliedern haben sich Pharmazeuten, Anwohner und andere Gartenliebhaber zusammen­geschlossen. Die frühere Apothekerin Bärbel Kaufmann liebt vor allem den Heilkräutergarten. Schon von Berufs wegen findet sie das Wissen um die Arznei­pflanzen wichtig. Hier wachsen Pflanzen wie Beinwell, Rizinus, Fingerhut und Fenchel. Dass er noch besteht, ist auch Freundeskreis-Mitarbeiter Alexander Reitz zu verdanken, der fast jeden Tag gießt, jätet und pflanzt.

Sprecher Manfred Kionke mag vor allem die alten Bäume. Jahrelang hat er sein Rad auf dem Weg zur Arbeit durch den Park geschoben: "Besonders schön ist der Garten im Frühjahr und im Herbst, wenn sich das Laub färbt", sagt Kionke. Aktuell müsste der stark verschlammte und veralgte Teich allerdings mal wieder ausgebaggert werden, sagt er.

Als ehemaliger Lehrer der Martin-Luther-Schule hat Kionke Kontakte zu den Schulen geknüpft. So haben Jugendliche einen Rundgang entwickelt, mit dem der Garten virtuell erfahrbar ist. Zum Gesang von Vögeln kann man jetzt virtuell durch den Garten gehen.

Der von Schülern konzipierte Botanikpfad zu den wichtigsten Baumveteranen wurde sogar preisgekrönt. An 14 Stationen lassen sich Informationen über seltene oder bemerkenswerte Bäume per QR-Code herunterladen. Die Bäume sind das Kapital des Alten Botanischen Gartens: Riesentannen, Mammutbäume, eine Platane mit sechs Meter Stammumfang, Esskastanien, Ginkgos, Dattel­pflaumen, eine Papier-Birke, eine Gurken-Magnolie und ein Taschentuchbaum, dessen Blütenblätter an hübsche Taschentücher erinnern. Die verstorbene Botanikerin Loki Schmidt liebte die alte Hainbuche, die aussieht, als sei sie von unzähligen Vogelnestern bedeckt. Genau genommen werden diese "Hexen­besen" durch einen Pilz verursacht. Höchster Baum des Parks – und der Marburger City – ist ein vor mehr als 200 Jahren gepflanzter rund 40 Meter hoher Tulpenbaum. Auffallend sind die blauen Früchte des aus Nordamerika stammenden Lederhülsenbaums. Da passt es gut, dass Schüler nun einen Früchtepfad planen.

Wer in der Uni-Bibliothek Bücher ausleiht, erhält ein vom Freundeskreis kreiertes Lesezeichen, das mit dem blühenden Trompetenbaum und einem Rotkehlchen für den Alten Botanischen Garten wirbt. Im Vergleich zu früheren Jahren, als sich die Aktivisten auch schon einmal an eine zur Fällung vor­ge­sehene Rotbuche ketteten, setzt der aktuelle Vorstand eher auf den diplo­matischen Weg. Die Zusammenarbeit mit der Hochschule hat sich deutlich verbessert. Auch der Leiter des Botanischen Gartens, Andreas Titze, freut sich über die Unterstützung: "Das ist eine gute Ergänzung zu unserer Arbeit", sagt er.

Fast alle Ruhebänke im Alten Botanischen Garten sind vom Freundeskreis gestiftet. Schließlich soll der Park von vielen Menschen genutzt werden können. Deshalb wollen sie zwar keine neuen Durchgangswege, die alten Pfade – ein­schließlich der Behringtreppe und der Holzbrücke – aber erhalten. "Wir wollen keine Glasglocke über den Park stülpen", so Kaufmann. Hundehaufen und demolierte Bänke wollen sie allerdings auch nicht.

Schon vor Jahren hat die damalige Vorsitzende des Freundeskreises, Irmgard Bott, so viel Geld gesammelt, dass ein Parkpflegewerk in Auftrag gegeben werden konnte. Allerdings habe es die Universität nie umgesetzt, bedauern die Mitglieder. Jetzt erstellt ein Gartenarchitekturbüro ein neues Parkpflegewerk, das am 17. Oktober vorgestellt wird. Auftraggeber ist dieses Mal die Uni­ver­si­tät. Dabei geht es um den Umgang mit schutzwürdigen Bäumen, Sträuchern und Pflanzen, aber auch um die zukünftige Wegeführung. Titze: "Das ist dann eine verbindliche Grundlage."

Infos
www.alterbotgarten-marburg.de
info[at]alterbotgarten-marburg.de
Tel. 06421/21164
Vom Lustgarten zur grünen Lunge
Die kleine Oase am Fuß der Oberstadt war einst der Lustgarten des Deutsch­herren­ordens. 1810 vermachte König Jerome das Gelände der Universität. Angelegt wurde er von den Botanikern Georg Wenderoth und Albert Wigand. Bis heute speist ein Nebenarm der Lahn den Teich, der ursprünglich der Entwässerung des Grundstücks diente.
Bis 1977 wurden die zunächst nach botanischen Familien, dann nach geo­graph­ischer Herkunft geordneten Pflanzen zur Ausbildung von angehenden Apothekern und Biologen genutzt. Doch der Platz in der Innenstadt reichte nicht aus – auf den Lahnbergen wurde mit dem Neuen Botanischen Garten einer der größten Deutsch­lands gegründet.
Erst seitdem ist der 3,6 Hektar große Park, der 1994 als Kulturdenkmal eingetragen wurde, für Spaziergänger geöffnet. In den folgenden Jahren hat sich das Areal zu einem wichtigen Naherholungsgebiet entwickelt. Aktuell ist ein kleiner Teil des Gartens dem Uni-Projekt "Urbanität und Vielfalt" vorbehalten. Auf dieser "Arche­fläche" am Ostrand des Gartendenkmals werden die Blumen und Gräser des Mager­rasens vorgestellt.
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Bier, frei laufende Hunde und Radeln verboten
Um das Gartendenkmal zu schützen, hat die Universität eine neue Parkordnung erlassen. Verboten ist:
  • Alkohol. Es darf weder Bier noch Wein oder Schnaps getrunken werden
  • Hunde, die frei laufen. Hunde müssen immer an die Leine genommen werden. Und ihre Hinterlassenschaften sind selbstverständlich zu entfernen.
  • Radeln. Radfahrer müssen absteigen und schieben.
  • Grillen und Angeln
  • Lagern außerhalb der ausgewiesenen Liegeflächen
  • Zelten. Jede Art der Übernachtung ist untersagt
  • Blumenpflücken. Das Abschneiden und Entfernen von Pflanzen oder Pflanzenteilen ist verboten
  • Lärm in der Zeit von 22 bis 7 Uhr
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Gesa Coordes

Tipp des Tages

Foto: Martin
Hutchinson
Martin Hutchinson

Singer/Songwriter Martin Hutchinson stammt aus einer musikalischen Familie im irischen County Kildare. Schon in jungen Jahren spielte er in der Familienband zunächst Akkordeon, dann zunehmend Gitarre. Später zog es ihn in die irische Folk- und Rockszene nach Dublin, bis er schließlich zunächst nach London aus­wan­derte. Heute lebt der Musiker in Utrecht, regelmäßig zieht es ihn aber zurück nach Irland, wo er immer wieder Inspiration für neue Songs findet. Seine Spiel auf der Stahlsaitengitarre ist geprägt durch ein klares Fingerpicking und bluesige Slides. Amerikanische Blueseinflüsse verbindet er mühelos mit irischer Folktradition. Seine warme, prägnante Stimme erlaubt Vergleiche, beispielsweise mit der Folklegende Christy Moore. Auf der Bühne gewinnt Martin Hutchinson sein Publikum schnell mit Charme und augenzwinkerndem Humor.
Fr 19.10. | 20 Uhr | Marburg | TurmCafé
 
Tipp der Woche

Foto: Nati
Seit 2010

Seit 2010 experimentiert die Schweizer Band Ghost Town mit der Transformation kommerzieller Popmusik hin zur Neu­inter­pre­tation ins Reich der freien Improvisation. Dies wird in den ersten sechs Jahren als Gitarrentrio umgesetzt und 2016 durch Joana Aderi – Gesang und experimental electronics – erweitert mit Murderballads, Seashanties, Lovesongs und Liedern aus der Zeit der großen Depression 1929. Diese und weitere Themen bilden die Basis der amerikanischen Blues- und Countrymusic der 1920er bis 1940er Jahre, und die Band zelebriert diese American Roots Music mit improvisatorischer Frische, fetten Grooves und einer ordentlichen Prise schwarzen Humors.
Di 23.10. | 20.30 Uhr | Marburg | Cavete
 
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