Freitag, 19. Oktober 2018
Thema der Woche | 23. August 2018

Scheußliches Marburg

Bürgerinitiative IG Marss kämpft gegen Bausünden – Foto: Coordes

Wenn Claus Schreiner auf seiner Terrasse am Ortenberg am Espresso nippt, hat er einen guten Blick auf Marburgs Bausünden: Vom Affenfelsen spricht er gar nicht mehr. Aber vom Rudolphsplatz über das Marktdreieck und den neuen Sprachatlas bis zu den Pohl-Bauten im Nordviertel ziehe sich ein "Gürtel von Dutzendarchitektur" und "Grässlichkeiten", der absolut nicht zur vorbildlich sanierten Altstadt passe.

Und nun droht eine neue Bausünde: Das Parkhaus am Pilgrimstein soll von Wohnhäusern flankiert und beträchtlich erweitert werden – ausgerechnet am Hang zur Oberstadt. "Das Parkhaus ist jetzt schon hässlich", sagt Claus Schreiner: "Warum soll man das noch hässlicher machen?" Noch dazu an dieser für das Stadtbild entscheidenden Stelle. Zugleich würden damit die letzten Bäume in diesem Areal fallen.

Claus Schreiner, ein 75-jähriger Musikverleger und Musikjournalist, ist seit vielen Jahren Vorsitzender der IG Marss, der "Initiativgruppe Marburger Stadt­bild und Stadtentwicklung". Ziel der Bürgerinitiative, die zu den ältesten BIs in Marburg zählt: Die Stadtentwicklung so konstruktiv und kritisch zu begleiten, dass keine weiteren Bausünden entstehen. Dabei geht es den Aktiven nicht um "historischen Puppenstuben-Konservatismus". Das mittelalterliche Stadtbild darf durchaus mit moderner Architektur ergänzt werden. Allerdings sei die Qualität entscheidend, so die Aktiven. Zudem mahnen sie eine Gesamtplanung mit einer Vision von Marburg in 20 Jahren an.

Entstanden ist die IG Marss 2002 aus der bereits 1970 gegründeten Initiativ­gruppe Marburger Stadtbild. Gründungsvorsitzender war der heute 83-jährige Gerhard Haberle, der viele Jahre als Diplomingenieur beim Hochschulbauamt gearbeitet hat.

"Wut über die scheußliche Architektur am Fuß der Oberstadt" nennt er als Grund für sein Engagement. Damals hätten die Bürger erst viel zu spät vom Bau des Erlenringcenters erfahren, in dem heute Media Markt und andere Einzel­händ­ler sitzen. Als sie entdeckten, wie sehr der vierstöckige Bau mit den damals weithin sichtbaren Werbeflächen an der Fassade die Sicht auf die Oberstadt versperrt, war er bereits errichtet. Das wollte die Bürgerinitiative beim Marktdreieck – das gegenüberliegende Einkaufscenter mit Rewe, Aldi, Arztpraxen und einem Parkhaus – verhindern. Sie sammelten mehr als 5000 Unterschriften, um das "städtebauliche Unglück" zu stoppen. Doch vergeblich. Das Einkaufscenter wurde gebaut. Schreiner geht sogar davon aus, dass die Politiker mauschelten, um den Bau durchzusetzen. Aber selbst der Gestaltungs­beirat genehmigte die Planung. "Beschämend" nennt Claus Schreiner das.

Seitdem sei das Einfallstor in Marburg-Mitte nicht mehr vom Burgberg, sondern von zwei gesichtslosen Einkaufszentren geprägt. "Es sieht Scheiße aus", sagt Schreiner unverblümt: "Aber man kriegt es ja nicht weg." Es müsste, so fordert die Bürgerinitiative, auch für den Fuß der Altstadt eine Satzung geben, die solche Bausünden verhindert – in der Altstadt selbst gibt es detail­lierte Vorgaben, die von den Dächern über Haustüren und Putzfarbe bis zur Gestaltung der Fassaden reichen.

Die IG Marss hat seitdem zahlreiche öffentliche Veranstaltungen bestritten, sieben Ruhebänke in der City aufgestellt, Preise für besondere Verdienste um das Stadtbild ausgeschrieben und rund 60 Mitglieder um sich geschart. Zu ihnen gehören Professoren, Lehrer, Kunsthistoriker, Architekten, "Wutbürger" (Haberle über Haberle) und "widerspenstige Alte" (Schreiner über Schreiner).

Zu fast allen großen Bauten in Marburg haben sie sich kritisch zu Wort ge­mel­det: Die Stadtautobahn, die Marburg in zwei Hälften zerteilt und viel Raum frisst, müsse schon lange unter die Erde. Der Rudolphsplatz schwanke vor allem im unteren Teil zwischen "Bunker-Atmosphäre und Beton-Idylle". Die Apparte­ment­häuser auf dem Weg zwischen Mensa und Philosophischer Fakultät seien "Plattenbauten". Und von den sogenannten Pohl-Bauten des verstorbenen Marburger Milliardärs im Nordviertel – vor allem das architektonisch um­strit­tene Verwaltungsgebäude – halten sie ebenfalls nicht viel. Es handele sich um "Dutzendarchitektur", die nicht zu Marburg passe.

Als ihren größten Erfolg bezeichnet die Bürgerinitiative den inzwischen völlig anders besetzten Gestaltungsbeirat, der nun von renommierten Architekten, Professoren und Fachleuten geprägt werde, die fast alle nicht aus Marburg kommen und damit einen unverstellten Blick auf die Stadt haben. Manchmal zeigten sich die Bausünden allerdings erst, nachdem die Bagger anrollten. Der neue Sprachatlas auf dem ehemaligen Brauereigelände am Pil­grim­stein sei so ein Beispiel: Im Entwurf habe das neue Uni-Gebäude, das nach Überzeugung der IG Marss eigentlich auf die Lahnberge gehört hätte, sehr gut ausgesehen. Beim Bau sei es dann allerdings so weit "kaputtgespart" worden, dass es jetzt "wie eine Gefängniszeile" wirke.

Kein gutes Haar lässt Schreiner auch an der Bürgerbeteiligung der Stadt. Es dürfe keine Vorgaben geben: "Bürgerbeteilung muss ergebnisoffen sein", sagt der IG Marss-Sprecher. Und natürlich sollten die Bürger nicht nur beim Grüner Wehr, sondern auch bei der geplanten Erweiterung des Parkhauses am Pil­grim­stein beteiligt werden.

Dahinter vermutet die Bürgerinitiative einen Deal zwischen SPD, CDU und "Bürgern für Marburg", die in der Universitätsstadt ein Bündnis eingegangen sind. Die Sozialdemokraten hätten den Konservativen versprochen, auf diese Weise für mehr Parkplätze in der Innenstadt zu sorgen, mutmaßt Schreiner. Mehr Parkplätze könnten allerdings auch geschaffen werden, ohne den Hang weiter zu verschandeln, sagt er: Die Universität könne ja die für ihre Mitarbeiter reservierten Parkplätze am Sprachatlas und am Audimax für die Allgemeinheit öffnen – schließlich profitierten Professoren und Uni-Mitarbeiter vom Jobticket des Landes, seien also in der Regel nicht auf das Auto angewiesen. Zudem sei die Uni selbst für die Engpässe verantwortlich: Weil die Hochschule ursprünglich versprochen hatte, dass die Uni-Parkplätze an der alten Universitätsbibliothek in Zukunft öffentlich genutzt werden könnten, verzichtete die Stadt auf Aus­gleichs­zahlungen für die fehlenden Parkplätze am Campus Firmanei.

Ob es irgendeinen gelungenen Neubau in Marburg gebe? Ja, einige private Gebäude im Südviertel. Und auch die neue Universitätsbibliothek im Alten Botanischen Garten nennt Gerhard Haberle zumindest "nicht schlecht". Sie sei nur zu lang geraten.

Die IG Marss trifft sich jeden zweiten Dienstag im Monat ab 19.30 Uhr im Haus der Ortenberggemeinde (Rudolf-Bultmann-Str. 7). Die nächste Arbeitssitzung nach der Sommerpause ist für den 9. Oktober geplant. Nächstes Thema: Das Stadtklima. Weitere Informationen: www.stadtbild-marburg.de.

Gesa Coordes

Tipp des Tages

Foto: Martin
Hutchinson
Martin Hutchinson

Singer/Songwriter Martin Hutchinson stammt aus einer musikalischen Familie im irischen County Kildare. Schon in jungen Jahren spielte er in der Familienband zunächst Akkordeon, dann zunehmend Gitarre. Später zog es ihn in die irische Folk- und Rockszene nach Dublin, bis er schließlich zunächst nach London aus­wan­derte. Heute lebt der Musiker in Utrecht, regelmäßig zieht es ihn aber zurück nach Irland, wo er immer wieder Inspiration für neue Songs findet. Seine Spiel auf der Stahlsaitengitarre ist geprägt durch ein klares Fingerpicking und bluesige Slides. Amerikanische Blueseinflüsse verbindet er mühelos mit irischer Folktradition. Seine warme, prägnante Stimme erlaubt Vergleiche, beispielsweise mit der Folklegende Christy Moore. Auf der Bühne gewinnt Martin Hutchinson sein Publikum schnell mit Charme und augenzwinkerndem Humor.
Fr 19.10. | 20 Uhr | Marburg | TurmCafé
 
Tipp der Woche

Foto: Nati
Seit 2010

Seit 2010 experimentiert die Schweizer Band Ghost Town mit der Transformation kommerzieller Popmusik hin zur Neu­inter­pre­tation ins Reich der freien Improvisation. Dies wird in den ersten sechs Jahren als Gitarrentrio umgesetzt und 2016 durch Joana Aderi – Gesang und experimental electronics – erweitert mit Murderballads, Seashanties, Lovesongs und Liedern aus der Zeit der großen Depression 1929. Diese und weitere Themen bilden die Basis der amerikanischen Blues- und Countrymusic der 1920er bis 1940er Jahre, und die Band zelebriert diese American Roots Music mit improvisatorischer Frische, fetten Grooves und einer ordentlichen Prise schwarzen Humors.
Di 23.10. | 20.30 Uhr | Marburg | Cavete
 
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