Freitag, 19. Oktober 2018
Thema der Woche | 9. August 2018

In voller Aktion

Die Seebrücke Marburg – Foto: Kronenberg

Sie haben innerhalb einer Woche zwei Demos mit 400 und 500 Teilnehmern in Marburg organisiert, Infoveranstaltungen und eine Filmvorführung im Capitol. Dabei gibt es die "Seebrücke Marburg" doch gerade mal rund vier Wochen, berichtet Anna Bubert. Sie gehört zu der Handvoll Marburger Aktivisten, die sich mit den Demos und Veranstaltungen in der Lahnstadt für die Rettung schiffbrüchiger Flüchtlinge im Mittelmeer und eine humane Asylpolitik einsetzen.

Warum? "Weil ich morgens noch in den Spielgel schauen können will", sagt Bubert. Alleine von Anfang Januar bis Anfang August seien 1500 Menschen bei dem Versuch, das Mittelmeer zu überqueren, ertrunken, zählt Bubert auf. Nichtstun ist für sie keine Option, auch wenn sie kaum glaubt, dass der bundesweite Protest des Bündnisses Seebrücke bei Politikern wie Horst Seehofer für ein Umdenken sorgt.

Es geht ihr auch um eine Änderung des politischen Klimas – und dafür sei lokaler Einsatz wichtig: "Es gibt gerade auch in Marburg so viele Menschen, die sich positiv engagieren, die sich für Menschen auf der Flucht einsetzen. Über die wird viel zu wenig berichtet. Wenn man im Internet schaut und sich die Hasskommentare auf den einschlägigen Seiten durchliest, bekommt man das Gefühl, dass es nur noch Rechte gibt. Und das ist falsch. Sie sind in der Minderheit."

"Wir sind bisher zu wenig sichtbar, das müssen wir ändern", unterstreicht Julia Flechtner von der DGB-Jugend. Tobias Haberland, der mit Anna und Julia am Samstag beim bundesweiten "Day Orange" für die Seenotrettung am Seebrücke-Infostand auf dem Marburger Marktplatz steht, sieht das genauso: "Eine rechte Minderheit bestimmt den politischen Diskurs. Wir müssen so menschenverachtenden Begriffen wie ,Asyltourismus' etwas entgegensetzen." Er geht davon aus, dass es "einen langen Atem und viele kleine Aktionen" im Kampf gegen rechtspopulistisches Gedankengut brauche. "Dass wir die festgesetzten Schiffe der privaten Rettungsorganisationen nicht freikriegen, wenn wir einmal hier auf dem Marktplatz Papierbötchen falten, ist ja klar." Deshalb hofft er, dass die Aktionen der Marburger Seebrücke auch im Wintersemester weitergehen. Die Vernetzung mit Engagierten in anderen Städten, in Gießen und Frankfurt, beginne gerade erst.

Nächste Aktionen der Seebrücke:
Am Donnerstag, 9. August, zeigt die Seebrücke Marburg im Capitol den Dokumentarfilm"Iuventa"über das gleichnamige Rettungsschiff. Nach fast zwei Jahren Einsatz und ca. 14.000 auf hoher See geretteter Menschen wurde der von der Berliner Initiative "Jugend rettet" zum Rettungsschiff umgebaute Fischkutter im August 2017 von den italienischen Behörden beschlagnahmt und in Lampedusa festgesetzt. Der Mannschaft wird die Kooperation mit Schlepperbanden vorgeworfen. Eine Anklage ist jedoch bis heute nicht erfolgt. Die Dokumentation von Regisseur Michele Cinque begleitet die der jungen Protagonisten, fängt die gesamte Spanne der Mission ein. Zur anschließenden Diskussion über den Film sind Mitglieder von "Jugend rettet" anwesend.
Die Seebrücke in Gießen veranstaltet am Freitag, 10. August eine Demonstration gegen die Kriminalisierung von Seenotrettungsorgansationen, die um 16 Uhr auf dem Gießener Kirchenplatz startet.

Georg Kronenberg

Tipp des Tages

Foto: Martin
Hutchinson
Martin Hutchinson

Singer/Songwriter Martin Hutchinson stammt aus einer musikalischen Familie im irischen County Kildare. Schon in jungen Jahren spielte er in der Familienband zunächst Akkordeon, dann zunehmend Gitarre. Später zog es ihn in die irische Folk- und Rockszene nach Dublin, bis er schließlich zunächst nach London aus­wan­derte. Heute lebt der Musiker in Utrecht, regelmäßig zieht es ihn aber zurück nach Irland, wo er immer wieder Inspiration für neue Songs findet. Seine Spiel auf der Stahlsaitengitarre ist geprägt durch ein klares Fingerpicking und bluesige Slides. Amerikanische Blueseinflüsse verbindet er mühelos mit irischer Folktradition. Seine warme, prägnante Stimme erlaubt Vergleiche, beispielsweise mit der Folklegende Christy Moore. Auf der Bühne gewinnt Martin Hutchinson sein Publikum schnell mit Charme und augenzwinkerndem Humor.
Fr 19.10. | 20 Uhr | Marburg | TurmCafé
 
Tipp der Woche

Foto: Nati
Seit 2010

Seit 2010 experimentiert die Schweizer Band Ghost Town mit der Transformation kommerzieller Popmusik hin zur Neu­inter­pre­tation ins Reich der freien Improvisation. Dies wird in den ersten sechs Jahren als Gitarrentrio umgesetzt und 2016 durch Joana Aderi – Gesang und experimental electronics – erweitert mit Murderballads, Seashanties, Lovesongs und Liedern aus der Zeit der großen Depression 1929. Diese und weitere Themen bilden die Basis der amerikanischen Blues- und Countrymusic der 1920er bis 1940er Jahre, und die Band zelebriert diese American Roots Music mit improvisatorischer Frische, fetten Grooves und einer ordentlichen Prise schwarzen Humors.
Di 23.10. | 20.30 Uhr | Marburg | Cavete
 
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