Dienstag, 23. Oktober 2018
Thema der Woche | 3. Mai 2018

Schatzkarten statt Almosen

Die Kulturlogen-Bewegung startete in Marburg

Als Monika Kuhn das erste Mal wieder im Theater saß, musste sie mit den Tränen kämpfen: "Ich genieße das so sehr", sagt die 72-Jährige. Viele Jahre waren klassische Konzerte und Theaterstücke für sie einfach nicht mehr drin. Schon mit 45 erkrankte die gelernte Einzelhandelskauffrau so schwer, dass sie nicht mehr arbeiten konnte. Und bei einer Rente, die nur knapp über der Grundsicherung liegt, wurden Konzert- und Theaterkarten zum unbezahlbaren Luxus: "Ich habe gedacht, dass ich an dieser Welt nicht mehr teilhaben kann", sagt Monika Kuhn.

Nun gehört sie zu den langjährigen "Kulturgästen" der Marburger Kulturloge. Die Idee: Nicht verkaufte Theater-, Konzert- und Kinokarten werden an bedürftige Menschen weitergeben. Damit sollen sie keine Almosen erhalten, sondern erfahren, dass sie in den Kultureinrichtungen Marburgs willkommen sind.

Hilde Rektorschek, heute Bundesvorsitzende der Kulturlogen in Deutschland, hat das Konzept entwickelt. Die ehemalige Uni-Verwaltungsangestellte, die schon früher in der Bürgerinitiative für soziale Fragen am Richtsberg und im Uni-Senat aktiv war, hat damit ihre Lebensaufgabe gefunden. Auf die Idee kam sie nach ihrer Pensionierung, als sie bei der Marburger Tafel mitarbeitete. Dort traf sie keine "Schmarotzer", sondern Menschen, die durch Krankheit, zerrüttete Familien oder lange Arbeitslosigkeit in die Armut gerutscht waren. Und sie fragte die Tafelkunden nicht nur nach der Geschichte ihrer wirtschaftlichen Not, sondern auch nach ihren Interessen. Dabei stellte sie fest, "dass die Leute gern lesen und sich für Kultur interessieren". Als ihr eine Handvoll Karten für Lesungen während des Krimifestivals geschenkt wurden, fand sie begeisterte Abnehmer.

Hilde Rektorschek gründete eine Initiative, in der sich Journalisten, Kulturveranstalter, Pädagogen und Grafiker engagierten, und schrieb ein Konzept. Ihr ist es nämlich wichtig, die überzähligen Karten behutsam und mit Würde weiterzugeben. Die Hemmschwellen, Freikarten anzunehmen, seien höher als man denke, sagt sie: "Die Menschen werden oft stigmatisiert." Deshalb sind sie "Kulturgäste" und die Karten werden auf ihren Namen an der Abendkasse hinterlegt. "Noch nicht einmal der Kassierer weiß, dass sie von der Kulturloge kommen", so Rektorschek. Sie müssen auch weder Hartz-IV-Ausweise noch Wohngeldbescheinigungen vorlegen, um sich bei der Kulturloge anzumelden. Es reicht, wenn sie den Flyer bei den Sozialinitiativen und Institutionen ausfüllen, mit denen sie ohnehin in Kontakt stehen. Die sozialen Einrichtungen bürgen für ihre Bedürftigkeit. Missbrauch wurde dabei nie festgestellt, sagt Rektorschek.

Die Interessenten können ankreuzen, ob sie am liebsten ins Kino gehen, Theater, Kabarett, Lesungen, Volksmusik, Klassik, Rock, Jazz oder Metal mögen. Hat die Kulturloge Plätze zu vergeben, werden die Interessenten angerufen. Selbstverständlich erhalten auch Alleinstehende zwei Karten, damit sie vielleicht einmal einen Nachbarn oder eine Freundin einladen können.

2010 wurde aus der Bürgerinitiative ein Verein, der heute 70 Mitglieder hat. Seitdem hat die Loge 15 000 Eintrittskarten vermittelt. 1700 Kulturgäste, darunter 500 Kinder und Jugendliche, profitieren davon. 40 Theater-, Konzert- und Kulturveranstalter machen bei der Initiative mit. Schließlich spielen auch Schauspieler und Musiker nicht gern vor leeren Rängen. Besonders beliebt ist das Marburger Kino, das jede Woche Karten spendet. Die Kinobillets gehen meistens an Familien. Einzige Auflage: Die Kulturgäste schauen die Filme in der Zeit von Montag bis Donnerstag und nicht in der Startwoche. Auch im Marburger Theater sitzen – abseits der Premiere – fast jedes Mal einige Kulturgäste.

Das Landestheater Marburg hat gemeinsam mit der Kulturloge ein Patenprojekt aufgebaut, bei dem jedes Jahr 15 Kinder der Loge an das Theater herangeführt werden. Dazu werden ebenso viele Paten gewonnen, die mit den Mädchen und Jungen in vier Stücke gehen. Zugleich begleiten sie die Kinder, wenn sie sich Bühne, Technik und Kleiderfundus ansehen, mit den Schauspielern diskutieren und sich Bücher und Plakate signieren lassen. Und beim Weihnachtsstück im vergangenen Jahr hatten sowohl die Paten als auch die Kinder Geschenke füreinander – ohne jede Absprache. Inzwischen wurde die Kulturloge vielfach ausgezeichnet. Sie hat ihren festen Platz in einem städtischen Gebäude am Plan 3. Ein Mitarbeiter mit einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme hilft den zahlreichen Ehrenamtlichen bei der Vermittlung der Karten. Die aktuelle Vorsitzende ist Alexandra Klusmann, die langjährige Organisatorin des Marburger Krimifestivals.

Die Initiative ist längst ein Exportschlager aus Marburg geworden: In Gießen, Kassel, Hanau, Eschwege, Celle, Ulm, Baden Baden, Koblenz und Wuppertal haben sich Kulturlogen nach dem Vorbild aus der Universitätsstadt entwickelt. 35 Städte meist mittlerer Größe sind inzwischen dabei. Und Hilde Rektorschek ist die Vorsitzende des Bundesverbandes der deutschen Kulturlogen.

Allerdings ist die inzwischen 71-Jährige nicht nur eine Menschenfischerin, die Politiker, Kulturmanager und Sponsoren mit Charme und Hartnäckigkeit von ihrer Idee überzeugt. Sie ist auch streitbar. So ließ sie Namen und Logo der Kulturloge schützen. Das führte zu einem Rechtsstreit mit der später gegründeten Berliner Initiative, die inzwischen "Kulturleben" heißt.

Rektorschek legt nämlich großen Wert darauf, dass ihr Konzept nicht verwässert wird. Einkommensgrenzen, wie sie andere Initiativen dieser Art einführten, lehnt sie ab. Dass jemand belegen muss, dass er sich keine Kinokarte leisten kann, gehört für sie zu den Beschämungen, die sie verhindern will. Sie hat auch wenig Verständnis für Regeln, nach denen Kulturgäste andernorts rausgeworfen werden, wenn sie Karten nicht abgeholt haben. Stichproben in Marburg zeigten, dass fast alle Karten genutzt werden. Manche Kulturgäste machten sogar vorab "Probeläufe" zu Veranstaltungsorten. Rektorschek: "Bei uns gibt es keine Sanktionen und keine Kontrollen, nur eine freundliche Einladung, um die Menschen wieder in die Mitte zu holen." Deswegen hat sie auch keinen "Armenbus" organisiert, als die Kulturloge 120 Karten für die Burgfestspiele in Bad Vilbel bekam. Stattdessen fuhren die Kulturgäste an verschiedenen Tagen mit dem Zug, um sich "Aschenputtel" und das "Dschungelbuch" anzuschauen. "Ich will keine Armenvorstellungen", erklärt Rektorschek: "Unsere Gäste sollen mitten im Publikum sitzen und dazu gehören." Inzwischen gebe es sogar Kulturgäste, die Mitglied im Verein geworden seien.

Monika Kuhn fühlt sich jedenfalls deutlich wohler, seit sie wieder regelmäßig in Konzerte und Theaterstücke geht. Diese Woche besucht sie ein Soul-Konzert im Kulturladen KFZ: "Ich bin ganz neugierig", sagt sie. Und dann wird eine neue Eintrittskarte in dem Körbchen aus Bast landen, in dem sie Theaterbillets, Konzertkarten, Flyer und Programme sammelt. "Das ist meine Schatzkiste", sagt Monika Kuhn.

Weitere Infos:
www.kulturloge-marburg.de, Tel. 06421-1660565
(Di-Fr 11 bis 13 und 14 bis 16 Uhr)

Gesa Coordes

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Foto: Nati
Seit 2010

Seit 2010 experimentiert die Schweizer Band Ghost Town mit der Transformation kommerzieller Popmusik hin zur Neu­inter­pre­tation ins Reich der freien Improvisation. Dies wird in den ersten sechs Jahren als Gitarrentrio umgesetzt und 2016 durch Joana Aderi – Gesang und experimental electronics – erweitert mit Murderballads, Seashanties, Lovesongs und Liedern aus der Zeit der großen Depression 1929. Diese und weitere Themen bilden die Basis der amerikanischen Blues- und Countrymusic der 1920er bis 1940er Jahre, und die Band zelebriert diese American Roots Music mit improvisatorischer Frische, fetten Grooves und einer ordentlichen Prise schwarzen Humors.
Di 23.10. | 20.30 Uhr | Marburg | Cavete
 
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