Mittwoch, 18. Oktober 2017
Thema der Woche | 12. Oktober 2017

"Unsere Hand bleibt immer ausgestreckt"

Begegnungen zum 700-jährigen Jubiläum der Jüdischen Gemeinde Marburgs – Foto: Coordes

Die katholischen Pfadfinder, die der Jüdischen Gemeinde Marburgs bei ihrem großen Tag helfen, stanzen mit Begeisterung Buttons und Flaschenöffner. Was die hebräischen Schriftzeichen bedeuten, die auf den Öffnern stehen, finden die 13-Jährigen allerdings erst nach längerem Blättern in den Infobroschüren heraus: "Es heißt Schalom", erklären sie den ebenso unkundigen Gästen.

Fragen zu stellen – auch solche, die man "schon immer einem Juden stellen wollte", ist ein Ziel des "Tages der Begegnung", zu dem die Jüdische Gemeinde anlässlich ihres 700-jährigen Jubiläums einlud. "Es gibt immer Hemm­schwel­len", sagt die stell­ver­tretende Vorsitzende der Gemeinde, Monika Bunk: "Wir wollten eine Möglichkeit zu ungezwungenem Kennenlernen schaffen, ohne dass die Besucher gleich in die Synagoge gehen."

Und damit lockten sie Hunderte von Marburgern in die Stadthalle. Die Kinder probierten das traditionelle Channuka-Spiel Dreidel aus. Sie versuchten, Moses in Form einer roten Kugel den Berg Sinai hinaufklettern zu lassen. Sie machten ein Quiz zu koscherem Essen und schrieben ihre Namen auf Hebräisch.

Unterdessen kamen die Erwachsenen bei Burekas, israelischem Salat, Hamantasch und Babaganoush ins Gespräch. Warum gibt es keinen Rabbi in Marburg? Zu teuer für die relativ kleine jüdische Gemeinde. Tragen Sie immer Kippa? "Manchmal möchte man einfach normal sein und nicht immer ange­sprochen und angeguckt werden", sagt Daniel Neumann, Direktor des Landes­ver­bandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen. Und vor allem am Frankfurter Bahnhof könne es auch sinnvoll sein, eine Mütze über die Kippa zu ziehen: "Ich kenne kaum jemanden, der nicht schon schlechte Erfahrungen gemacht hat", sagt er.

Regelmäßige Gäste der Gemeinde wie Ordensschwester Edith und der Vor­sitzende der Muslimischen Gemeinde, Bilal El-Zayat, sind selbstverständlich dabei: "In dieser Zeit geht es darum, die Gemeinsamkeiten zu sehen und hervorzuheben", sagt der Muslim, den eine lange Freundschaft mit der Jüdischen Gemeinde verbindet: "Es gibt viele Parallelen zwischen Juden und Muslimen." Er erinnert daran, dass sie vor 700 Jahren gemeinsam friedlich in Andalusien zusammengelebt hätten. Mit 700 erlesenen Datteln aus Medina gratuliert er der Gemeinde.

Es kommen aber auch zahlreiche Menschen, die noch nie in der Synagoge waren. "Viel Gemüse, tolle Gewürze", schwärmt ein Unternehmer, der sich durch das Fingerfood durchprobiert: "Ob es koscher ist, schmecke ich aber nicht heraus", ergänzt er lächelnd. In Zukunft kann er die Gerichte nachkochen – die Gemeinde hat kleine Rezepthefte ausgelegt. Währenddessen lädt die Schach­gruppe der Gemeinde zum Mitspielen ein. In anderen Räumen wird getanzt und gesungen.

"Ich dachte, dass der Schabbat strenger geregelt sei", sagt eine Protestantin, die gerade eine Einführung in den Schabbat gehört hat. Thorsten Schmermund, der für die Sonntagsschule verantwortlich ist, hat die Halacha – das jüdische Religionsgesetz –, die Zeremonien und den Geist des Schabbats erklärt. Und natürlich auch die Fragen nach Fußball spielenden Kindern am Samstag und Feuerwehrleuten im Dienst beantwortet.

"Unsere Hand bleibt immer ausgestreckt", sagt der 87 Jahre alte Gemeinde­vor­sitzende Amnon Orbach, der die Gemeinde in den vergangenen 35 Jahren aufgebaut hat. Ohne ihn wäre die 700-Jahr-Feier in dieser Form wohl kaum möglich gewesen. Denn als der in Jerusalem geborene Ingenieur 1982 nach Deutschland kam, weil er sich in eine Lehrerin aus Marburg verliebt hatte, gab es "keinen Krümel von Judentum" in der Stadt. Heute hat die Gemeinde 328 Mitglieder. Die Überreste der mittelalterlichen Synagoge am Marburger Markt­platz sind mit einem Glaskubus überdacht. An die prächtige Synagoge im romanisch-byzantinischen Stil, die in der Reichspogromnacht 1938 in Flammen aufging, erinnert der "Garten des Gedenkens". Er ist inzwischen zu einem lebendigen Treffpunkt geworden. Orbachs Lebensprojekt ist jedoch die 2005 eingeweihte neue Synagoge im Marburger Südviertel, durch die er jedes Jahr Hunderte von Schülern führt: "Wir suchen den fruchtbaren Dialog, um Hass und Vorurteilen keinen Raum zu geben", sagt er in seiner Begrüßungsrede.

Tatsächlich stehen Diskussionen und Gesprächsrunden im Mittelpunkt der Begegnungen. Besonders intensiv ist die Debatte um Antisemitismus. Monika Bunk ist froh darüber, dass dies "kein Alltagsproblem" in Marburg ist: "Wir kriegen keine Drohbriefe", sagt sie. Eher gebe es unterschwellige Vorurteile, etwa wenn ihr gesagt werde, dass sie überhaupt nicht aussehe wie eine Jüdin. Anders ist die Situation in Städten wie Frankfurt, berichtet Daniel Neumann vom Landesverband der Jüdischen Gemeinden in Hessen. Nach dem Gazakrieg 2014 wurden die Sicherheitskräfte, die jüdische Einrichtungen schützen, mit automatischen Waffen ausgerüstet. In dieser Phase sei eine unheilige Allianz zwischen muslimischen Gruppen und Rechten entstanden, die gegen Juden Stimmung machten. Und dass Kinder, die in die Synagoge oder die Schule gehen, von der Polizei geschützt werden müssten, sei "sicherlich nicht normal."

Immer noch schockiert ist die Jüdische Gemeinde vom Wahlsieg der AfD: "Der 24. September war ein schwarzer Tag in der Geschichte Deutschlands", sagt Neumann. Trotzdem ist er persönlich der Meinung, dass die AfD "keine Nazi­partei" sei. Sie sei aber auch weder willens noch in der Lage, gegen rechts­ra­dikale Ansichten vorzugehen: "Und das macht sie gefährlich." Dass man ihre Vertreter überzeugen könne, glaubt er nicht. Und dass es vereinzelt jüdische AfD-Mitglieder gibt, hält Monika Bunk für "ein Feigenblatt gegen die nazis­tischen Anklänge der AfD".

Marburgs Oberbürgermeister Thomas Spies erinnert an die lange Geschichte der Marburger Juden, deren Gemeinde in ihrer Blütezeit Anfang des 20. Jahr­hunderts mehr als 500 Mitglieder hatte. Er betonte aber auch das "lebendige und bunte Judentum, das heute in Marburg existiert." Und Daniel Neumann ergänzte: "Was uns unterschiedlich macht, ist das, was uns ausmacht." Das Zitat stammt übrigens von Winnie Puuh, dem Bären.

Gesa Coordes

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Do 19.10. | 19.30 Uhr | Marburg | Erwin-Piscator-Haus
 
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