Mittwoch, 18. Oktober 2017
Thema der Woche | 26. Januar 2017

Dr. Hirschhausen trifft Dr. House

Eine Vorlesung der besonderen Art – Foto: Kronenberg

Mit einem Plädoyer für Mitgefühl, Worte und gutes Zuhören hat der Arzt und Kabarettist Dr. Eckart von Hirschhausen am Montagabend mehr als 1000 Medizin- und Psychologiestudierende im Audimax der Marburger Philipps-Universität begeistert.

Hergelockt hatte ihn der deutsche Dr. House alias Prof. Jürgen Schäfer. Schließ­lich versucht der Herzspezialist schon seit zehn Jahren seinen Studenten besondere diagnostische Fähigkeiten mit einem Seminar zu vermitteln, das er nach Fällen aus der US-Fernsehserie "Dr. House" konzipiert hat. Mit viel Erfolg gewinnt er sie damit für Lerninhalte, die nicht prüfungsrelevant sind. Ein Film über seine Arbeit und das daraus entstandene "Zentrum für unerkannte Krankheiten" wurde vom Hartmannbund preisgekrönt. Die Laudatio hielt Eckart von Hirschhausen. Schäfers Überzeugung: Beim Lernen darf man auch Spaß haben. Und dabei half nun der "Meister des Infotainments" in der Medizin – Eckart von Hirschhausen hielt die Abschlussvorlesung des Dr. House-Seminars völlig ohne Honorar.

Der Fernsehdoktor wollte vor allem den Blick für das Wesentliche in der Medizin schärfen: Hirschhausen hat nach dem Studium mehrere Jahre als Arzt in der Kinderneurologie der Berliner Charité gearbeitet. Und Charité bedeutet Nächstenliebe und Barmherzigkeit. Er war damals stolz, an dieser Klinik tätig zu sein. Aber: "In welches Krankenhaus geht man heute hinein und denkt, dass dies ein Ort der Nächstenliebe und Barmherzigkeit ist?", fragt Hirschhausen. Wer einst nicht wusste, was er studieren sollte, wählte BWL, erzählt er weiter: "Diese Leute haben heute das Sagen im Krankenhaus." Zuhören, Pflege und Abwarten komme im Fallpauschalensystem nicht vor. Stattdessen fragten sich die Ärzte oft, welche Behandlung sich lohne. Dadurch komme es zu Rücken- und Hüftoperationen, die nicht nötig seien. "Das ist ein Bruch mit der ärztlichen Ethik", kritisiert der Comedian. Und dabei sehe er auch unter Ärzten erschreckend wenig Solidarität. "Persön­lich­keitsbildung muss genauso Teil der Ausbildung sein wie Biochemie und Statistik", fordert er.

In Marburg fragte er die Studierenden: "Warum wollt ihr Ärzte werden? Schreibt das auf!" Es sei gut, einen kleinen Zettel in der Schublade zu haben, der daran erinnert, für was sie angetreten seien. Zugleich plädierte er dafür, Patienten und ihre Anliegen ernster zu nehmen. "Legt euch einmal selbst halb bekleidet in ein Bett und lasst euch durch die Klinik fahren", empfahl er. Auch zu Fehlern solle man stehen: "Wenn ihr die Vene dreimal nicht getroffen habt, holt einen anderen!" Die Kranken seien keine Kunden, sondern leidende Menschen. "Ein Patient, der sagt, dass sein Gips zu eng ist, hat recht", so Hirschhausen. Man müsste die Kranken viel mehr befragen und ihnen zuhören, um Fehl­be­hand­lungen zu vermeiden. Doch Worte hätten leider keine Lobby. Auch Prävention sei sinnvoll, aber nicht lukrativ.

Zur anschaulichen Anamnese holte er eine Raucherin aus dem Publikum. Die 20-jährige Medizinstudentin befragte er nach dem Grund für ihr Rauchen. Freilich weiß er auch: Mit 20 hält man sich für unsterblich. Deswegen sei es unsinnig, jungen Menschen die Gefahren des Rauchens zu erklären. Man müsse etwas finden, das für sie wichtig sei. "Rauchen ist sehr schlecht für die Haut", schärfte er ihr ein. Oder bei älteren Männern: "Rauchen macht impotent."

Mediziner seien nicht gut darin, für sich selbst zu sorgen, berichtete er. Rund acht Prozent der deutschen Ärzte seien mindestens einmal in ihrem Leben suchtkrank gewesen. Ihre Suizidrate sei höher als in anderen Berufsgruppen. Schwäche zu zeigen, sei verpönt. Um die eigene Gesundheit zu erhalten, rät Hirschhausen dazu, gute Freundschaften zu pflegen: "Ein Freund ist jemand, der dich mag, obwohl er dich kennt", beschreibt er.

Hirschhausen setzt zudem auf Prävention durch Humor: "Lachen ist die beste Medizin", sagt der Arzt, der die Stiftung "Humor hilft heilen" gegründet hat. Deren Clowns treten bereits in mehr als 40 deutschen Städten auf. Auch in Marburg und Gießen gibt es Clown-Doktoren.

Gesa Coordes

Thema der Woche | 26. Januar 2017

Ein Leben im Urwald

Aus der Konditorei in den Dschungel / Multivisionsshow am 28.1.
Foto: Dieter Schonlau

Zwischen seinen Händen rollt Dieter Schonlau eine kleine Marzipankugel und formt geschickt einen kleinen Rüssel an deren Ende. Dann klebt er zwei Kugeln links und rechts an, drückt sie platt, zieht sie in Form – fertig sind der Kopf und die Ohren eines putzigen kleinen Marzipanelefanten. Noch ein paar Fein­arbeiten und nach wenigen Minuten ist das leckere Kunstwerk fertig.

Während der gelernte Konditormeister nach den Wünschen der Besucher im Kaufhausseine niedlichen Marzipanfiguren gestaltet, ist er mit seinen Gedanken kurz ganz weit weg: An der Westküse von Sumatra, in einem abgelegenen Sumpf­regenwald, dem Ziel seiner nächsten Reise im Frühjahr 2017.

Schon als Kinder träumten der 54-jährige Marzipankünstler aus Paderborn und seine Frau Sandra Hanke (48) davon, die Urwälder zu durchstreifen und die atemberaubende Vielfalt des Lebens darin mit der Kamera einzufangen. "Mein Lieblings-Comic war Tarzan, der an Lianen schwingend durch den Regenwald kurvte", erinnert sich Schonlau. "Sandra hat sich in der Schule von den Super-8-Filmen ihres Religionslehrers begeistern lassen, der einige Jahre in Brasilien gelebt hat."

Ein Traum, der wahr wurde. Aus der Konditorei in den Dschungel, von Marzi­pan zu Moskitos: mit 23 Jahren beschließt der frisch gebackene Konditor­meister zusammen mit seiner damaligen Freundin Sandra Hanke, die Urwälder dieser Erde zu durchstreifen.

Seit 30 Jahren sind Schonlau und Hanke inzwischen mit ihren Kameras im Regenwald unterwegs und haben mittlerweile rund 13 Jahre unter Dschungel­kronendächern gelebt. Nur eine kurze Zeit im Jahr arbeiten der Marzipan­künstler und die Restaurantfachfrau in ihren Jobs in Deutschland: "Davon können wir keine Riesensprünge machen, aber jedes Jahr unseren Traum weiterleben."

Von ihren Erlebnissen in den Urwäldern berichten sie in eindrucksvollen Live-Präsentationen, bei denen sie die Zuschauer für die Schönheit und schier grenzenlose Artenvielfalt der Regenwälder begeistern und bewusst machen wollen, wie lebenswichtig der Schutz dieser Regionen für die Menschheit ist.

Schonlau und Hanke geben noch nie gesehene Einblicke in die Wunderwelt von leuchtenden Pilzen, berichten von fliegenden und winkenden Fröschen, von Begegnungen mit riesigen Anakondas und erzählen vom Leben der Orang-Utans im Kronendach der Urwaldriesen. Fotos und Filmmaterial, das sie unter extremen Bedingungen, über viele Jahre hinweg den geheimnisvollen Urwäldern entlocken konnten. Faszinierende Bilder, von denen National Geographic eine Auswahl in einem großformatigen Bildband veröffentlicht hat. Denn es können Wochen, Monate und manchmal sogar Jahre vergehen, bevor der Regenwald einige seiner gut gehüteten Geheimnisse preisgebe, berichtet Schonlau. "Man muss lernen, die Tricks der Tarnspezialisten zu durchschauen. Wir haben in Südamerika oder Asien mit Menschen verschiedener Kulturen zusammen gelebt und von ihnen viel über die Wunder der tropischen Wälder erfahren." Die Ureinwohner, mit denen sie monatelang in den Urwäldern unterwegs waren, lehrten sie hinter den grünen Vorhang zu blicken. Schonlau: "Dank ihrer Sehschulung konnten wir schließlich auch ohne Fremdhilfe Zweige mit Beinchen und wandelnde Blätter entdecken. Wir lernten, wie es riecht, wenn Brüllaffen in der Nähe sind oder mit welchen Rufen man die Aufmerksamkeit von Spinnenaffen auf sich zieht. Wir wissen, wenn wir Nashornvögel fliegen hören, die wie abstürzende Hubschrauber klingen, dass es in der Nähe einen Fruchtbaum geben muss."

Dabei hätten sie nichts mit "verwegenen Abenteurern" gemein, die sich in zerrissenen Klamotten und mit der Machete durch eine "grüne Hölle" kämpften: "Das hat nichts mit der Realität zu tun, ebensowenig wie die TV-Sendung "Dschungelcamp", die nur Ekel und Schrecken verbreitet", sagt Schonlau. "Wir wollen von einem faszinierenden Lebensraum erzählen, in dem es noch unendlich viel zu entdecken gibt und bewusst, machen, wie lebenswichtig der Schutz dieser Regionen für die Menschheit ist. Ein Lebensraum, der heute so gefährdet ist, wie wie noch niemals zuvor." Für die Produktion von Palmöl, das in vielen Supermarktprodukten enthalten ist, würden etwa in Indonesien riesige Regenwaldgebiete zerstört und der Klimawandel angeheizt.

Termin
National Geographic-Fotograf Dieter Schonlau und Sandra Hanke zeigen ihre Lichtbildshow "Tief im Regenwald" am Samstag, 28.1. um 16 Uhr im KFZ
Orang-Utan-Schutzprogramm
Jedes Jahr fallen riesige Regenwaldgebiete dem Raubbau zum Opfer. Die Orang-Utans verlieren damit ihren Lebensraum. Sandra Hanke und Dieter Schonlau sammeln für das Sumatra-Orang-Utan-Schutzprogramm SOCP. Weitere Infos über Hanke, Schonlau und das Schutzprogramm: www.wildlifephoto.de

Georg Kronenberg

Tipp des Tages

Foto: TOBIS
Film GmbH
Leanders letzte Reise

Eine letzte Reise will der 92-jährige Eduard Leander noch unternehmen: Alleine macht er sich auf den Weg nach Kiew, wo der ehemalige Wehrmachtsoffizier während des Zweiten Weltkriegs seine große Liebe zurücklassen musste. Film von Nick Baker-Monteys.
Mi 11.10. | 17.50 Uhr | Marburg | Atelier
 
Tipp der Woche

Foto: Klaus
Schultes
Marshall & Alexander

Vor 20 Jahren begann die fulminante Karriere von Marc Marshall und Jay Alexander. Zum Jubiläum präsentieren Marshall & Alexander die großen Melodien ihrer Karriere. Jay Alexander: "Es werden fast ausschließlich original Marshall & Alexander Lieder er­klingen. Lieder, die wir kreiert haben, die für uns ge­schrie­ben wurden." Klassiker wie Hand In Hand, La Stella Piu Grande, Mandami Via, Another Day, Le Stagioni Che Verranno und viele weitere große Melodien und emotionale Texte werden beim Jubiläums­konzert mit dabei sein.
Do 19.10. | 19.30 Uhr | Marburg | Erwin-Piscator-Haus
 
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