Donnerstag, 19. Juli 2018
Thema der Woche | 25. Mai 2017

Verkehr bleibt eine Sollbruchstelle

Marburgs neue Stadtregierung – und ein Blick zurück – Foto: Kronenberg

Marburg ist keine Stadt der großen Koalitionen. In den vergangenen 49 Jahren ist es nur zweimal passiert, dass SPD und CDU ein Bündnis geschmiedet haben. Nun haben sie es angesichts der neuen Mehrheitsverhältnisse im Stadt­parla­ment erneut gewagt. In den kommenden Jahren wird Marburg von einer Zweck­ge­mein­schaft aus SPD, CDU und "Bürgern für Marburg" regiert. Vorsichtshalber sprechen die Beteiligten nicht von einer Koalition. "Partnerschaft für Marburger Themen" heißt das Bündnis. Und sie haben vereinbart, dass sie bei kniffligen Themen auch unterschiedlich abstimmen dürfen.

Die Zurückhaltung ist berechtigt. In der Vergangenheit haben die Sozial­demo­kraten sogar einen als sicher geltenden Oberbürgermeisterposten verloren, weil sich der damalige Kandidat Gerhard Pätzold für eine Große Koalition aus­ge­spro­chen hatte. Daraufhin gaben viele Sympathisanten der Grünen weiße Stimm­zettel ab. CDU-Mann Dietrich Möller gewann die Direktwahl 1993 hauch­dünn. Und die großen Koalitionen der Vergangenheit sind immer wieder an einem Thema gescheitert, dass auch jetzt wieder Potenzial für großen Streit hat – der Verkehr. Das aktuelle Bündnis hat bereits einen Beschluss für die Erweiterung des Parkhauses am Pilgrimstein auf den Weg gebracht.

Ein Blick in die Geschichte Marburgs: Nach den Kommunalwahlen von 1974 hatte die sozialliberale Koalition unter dem damaligen Oberbürgermeister Hanno Drechsler ihre Mehrheit verloren. Gemeinsam mit der erstmals ins Stadtparlament eingezogenen DKP hätte es zwar noch für ein linkes Bündnis gereicht. Das konnte sich Drechsler, der sich nach seiner DDR-Erfahrung einen "antikommunistischen Tick" attestierte, aber gar nicht vorstellen. 1976 vereinbarte er die Koalition mit der CDU. "Abgesehen von der Verkehrspolitik lief es gut", erinnert sich der frühere Stadtsprecher und Historiker Erhard Dettmering (SPD).

Nach der nächsten Kommunalwahl versuchte die SPD, aus der großen Koalition auszubrechen und bildete die erste Ampelkoalition Hessens. Das Bündnis scheiterte aber schon nach wenigen Monaten, nachdem Grüne im Marburger Schloss eine Ausstellungseröffnung durch den SPD-Ministerpräsidenten und Startbahn-West-Befürworter Holger Börner massiv gestört hatten. Drechsler ging erneut eine große Koalition ein, die bis zum Ende der Legislaturperiode hielt.

1985 entschieden sich die Sozialdemokraten für ein rot-grünes Bündnis – das hatte damals noch Seltenheitswert. Hauptgrund war die Verkehrspolitik. Die CDU – so berichtet Dettmering – wollte Marburg so autogerecht ausbauen, dass in Höhe der Mensa eine vierspurige Brücke über die Lahn geführt hätte. Drechs­ler, dem die Stadt die vorbildliche Altstadtsanierung zu verdanken hat, konnte sich das nicht vorstellen und wagte das Experiment mit der Umweltpartei.

In einer Stadt wie Marburg ist ein Bündnis mit der CDU vor allem für die Sozialdemokraten ein Risiko. Deswegen hält Dettmering es für gut, dass ein unterschiedliches Stimmverhalten möglich ist: "Das ist ein sehr interessantes Modell", sagt der Sozialdemokrat, der an den aktuellen Gesprächen nicht beteiligt war. Zudem war die alte Ehe zwischen SPD und Grünen – sie hielt immerhin mehr als 20 Jahre – völlig zerrüttet. "Mit dieser grünen Führungs­schicht war nichts mehr zu machen", meint Dettmering: "Nach endlosen Gesprächen und Streitereien lagen die Nerven blank."

Eine große Koalition bilde man nur, "wenn es nicht anders geht", sagt Friedrich Bohl (CDU), der ehemalige Kanzleramtsminister unter Helmut Kohl, der Jahr­zehnte die Marburger Region im Bundestag vertreten hat: "Das ist eine Ver­nunft­gemeinschaft in einer verworrenen Lage." 2001 hat der einstige Politprofi die erste Jamaika-Koalition Deutschlands ausgehandelt – ein Bündnis zwischen CDU, FDP, FWG und Grünen im Kreis Marburg-Biedenkopf, das mit Varianten bis 2014 hielt: "Das ging deshalb, weil wir uns menschlich gut verstanden haben", erläutert Bohl: "Das ist der Kitt einer jeden Koalition." Wie gut sich SPD, CDU und BfM in Marburg in Zukunft verstehen, muss sich erst erweisen. Der Verkehr sei aber sicherlich "eine Sollbruchstelle", sagt Bohl: "Da muss man aufpassen."

Gesa Coordes

Tipp des Tages

Foto: Lüder
Wohlenberg
Lüder Wohlenberg

"Wird schon wieder!" ist eine satirische Über­lebens­hilfe, 90 Minuten aktuelles Grund­lagen­kabarett in Sachen Opti­mismus. Es werden neue Ein­blicke er­öff­net und über­raschende Aus­wege aus jeder Lebens­lage gezeigt, präsen­tiert von einem ver­sierten Sur­vi­val-Experten: Lüder Wohlen­berg ist Arzt und Kaba­rettist. Er kennt das Gesundheits­system von beiden Seiten der Nadel und weiß, was die Medizin kann und wo sie besser das Skalpell in der Ver­packung stecken lässt. Zahl­reiche Gesund­heits­reformen, zwei Verkehrs­un­fälle und eine Schulter­eck­ge­lenks­spreng­ung haben ihn, den über 2 Meter großen Bühnen­hünen, nicht klein gekriegt. Er hat an ver­schie­denen Krisen­herden sein Süpp­chen gekocht und es immer selber aus­ge­löffelt. Als Fach­arzt für Radio­logie hat Wohlen­berg zudem den nötigen Durch­blick und als zer­ti­fi­zier­ter Not­arzt immer eine Spritze im An­schlag. In seinem neuen Kabarett­programm spricht der Arzt, spottet der Kaba­rettist, und selbst­ver­ständ­lich philosophiert auch wieder Profi­patient Rader­scheid. Wohlen­berg gibt wieder einmal alles. Und dann wird für einen Moment auch alles klar: Der Grund für die Rücken­schmerzen, für die un­er­bitt­liche Digital­anzeige der Waage und sogar für das Leben selbst ...
Do 19.7. | 20.30 Uhr | Wetzlar | Lottehof
 
Tipp der Woche

Foto: Sven
Gebert
Dirk Schäfer

Bereits über ein­hun­dert­mal war Dirk Schäfers Jacques-Brel-Abend "Doch davon nicht genug" bundes­weit zu sehen. Die Presse feierte das Programm als Gesamt­kunst­werk und als kultu­relles Gross­er­eig­nis. Die Zusammen­arbeit mit seinen Musikern Karsten Schnack (Akkordeon), Wolfram Nerlich (Kontra­bass) und Ferdi­nand von See­bach (Piano) wurde oft als kon­genial beschrieben. Große Auf­merk­sam­keit erregen auch immer wieder Dirk Schäfers neue Brel-Über­setzungen. Die Hälfte der Chansons singt er an diesem Abend in Deutsch und die andere Hälfte in Original­sprache, wobei der Schau­spieler und Sänger die fran­zö­sischen Stücke szenisch mit deutschen Über­leitungen vorbereitet.
Do 26.7. | 20.30 Uhr | Wetzlar | Rosengärtchen
 
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