Freitag, 19. Oktober 2018
Thema der Woche | 25. Mai 2017

Verkehr bleibt eine Sollbruchstelle

Marburgs neue Stadtregierung – und ein Blick zurück – Foto: Kronenberg

Marburg ist keine Stadt der großen Koalitionen. In den vergangenen 49 Jahren ist es nur zweimal passiert, dass SPD und CDU ein Bündnis geschmiedet haben. Nun haben sie es angesichts der neuen Mehrheitsverhältnisse im Stadt­parla­ment erneut gewagt. In den kommenden Jahren wird Marburg von einer Zweck­ge­mein­schaft aus SPD, CDU und "Bürgern für Marburg" regiert. Vorsichtshalber sprechen die Beteiligten nicht von einer Koalition. "Partnerschaft für Marburger Themen" heißt das Bündnis. Und sie haben vereinbart, dass sie bei kniffligen Themen auch unterschiedlich abstimmen dürfen.

Die Zurückhaltung ist berechtigt. In der Vergangenheit haben die Sozial­demo­kraten sogar einen als sicher geltenden Oberbürgermeisterposten verloren, weil sich der damalige Kandidat Gerhard Pätzold für eine Große Koalition aus­ge­spro­chen hatte. Daraufhin gaben viele Sympathisanten der Grünen weiße Stimm­zettel ab. CDU-Mann Dietrich Möller gewann die Direktwahl 1993 hauch­dünn. Und die großen Koalitionen der Vergangenheit sind immer wieder an einem Thema gescheitert, dass auch jetzt wieder Potenzial für großen Streit hat – der Verkehr. Das aktuelle Bündnis hat bereits einen Beschluss für die Erweiterung des Parkhauses am Pilgrimstein auf den Weg gebracht.

Ein Blick in die Geschichte Marburgs: Nach den Kommunalwahlen von 1974 hatte die sozialliberale Koalition unter dem damaligen Oberbürgermeister Hanno Drechsler ihre Mehrheit verloren. Gemeinsam mit der erstmals ins Stadtparlament eingezogenen DKP hätte es zwar noch für ein linkes Bündnis gereicht. Das konnte sich Drechsler, der sich nach seiner DDR-Erfahrung einen "antikommunistischen Tick" attestierte, aber gar nicht vorstellen. 1976 vereinbarte er die Koalition mit der CDU. "Abgesehen von der Verkehrspolitik lief es gut", erinnert sich der frühere Stadtsprecher und Historiker Erhard Dettmering (SPD).

Nach der nächsten Kommunalwahl versuchte die SPD, aus der großen Koalition auszubrechen und bildete die erste Ampelkoalition Hessens. Das Bündnis scheiterte aber schon nach wenigen Monaten, nachdem Grüne im Marburger Schloss eine Ausstellungseröffnung durch den SPD-Ministerpräsidenten und Startbahn-West-Befürworter Holger Börner massiv gestört hatten. Drechsler ging erneut eine große Koalition ein, die bis zum Ende der Legislaturperiode hielt.

1985 entschieden sich die Sozialdemokraten für ein rot-grünes Bündnis – das hatte damals noch Seltenheitswert. Hauptgrund war die Verkehrspolitik. Die CDU – so berichtet Dettmering – wollte Marburg so autogerecht ausbauen, dass in Höhe der Mensa eine vierspurige Brücke über die Lahn geführt hätte. Drechs­ler, dem die Stadt die vorbildliche Altstadtsanierung zu verdanken hat, konnte sich das nicht vorstellen und wagte das Experiment mit der Umweltpartei.

In einer Stadt wie Marburg ist ein Bündnis mit der CDU vor allem für die Sozialdemokraten ein Risiko. Deswegen hält Dettmering es für gut, dass ein unterschiedliches Stimmverhalten möglich ist: "Das ist ein sehr interessantes Modell", sagt der Sozialdemokrat, der an den aktuellen Gesprächen nicht beteiligt war. Zudem war die alte Ehe zwischen SPD und Grünen – sie hielt immerhin mehr als 20 Jahre – völlig zerrüttet. "Mit dieser grünen Führungs­schicht war nichts mehr zu machen", meint Dettmering: "Nach endlosen Gesprächen und Streitereien lagen die Nerven blank."

Eine große Koalition bilde man nur, "wenn es nicht anders geht", sagt Friedrich Bohl (CDU), der ehemalige Kanzleramtsminister unter Helmut Kohl, der Jahr­zehnte die Marburger Region im Bundestag vertreten hat: "Das ist eine Ver­nunft­gemeinschaft in einer verworrenen Lage." 2001 hat der einstige Politprofi die erste Jamaika-Koalition Deutschlands ausgehandelt – ein Bündnis zwischen CDU, FDP, FWG und Grünen im Kreis Marburg-Biedenkopf, das mit Varianten bis 2014 hielt: "Das ging deshalb, weil wir uns menschlich gut verstanden haben", erläutert Bohl: "Das ist der Kitt einer jeden Koalition." Wie gut sich SPD, CDU und BfM in Marburg in Zukunft verstehen, muss sich erst erweisen. Der Verkehr sei aber sicherlich "eine Sollbruchstelle", sagt Bohl: "Da muss man aufpassen."

Gesa Coordes

Tipp des Tages

Foto: Martin
Hutchinson
Martin Hutchinson

Singer/Songwriter Martin Hutchinson stammt aus einer musikalischen Familie im irischen County Kildare. Schon in jungen Jahren spielte er in der Familienband zunächst Akkordeon, dann zunehmend Gitarre. Später zog es ihn in die irische Folk- und Rockszene nach Dublin, bis er schließlich zunächst nach London aus­wan­derte. Heute lebt der Musiker in Utrecht, regelmäßig zieht es ihn aber zurück nach Irland, wo er immer wieder Inspiration für neue Songs findet. Seine Spiel auf der Stahlsaitengitarre ist geprägt durch ein klares Fingerpicking und bluesige Slides. Amerikanische Blueseinflüsse verbindet er mühelos mit irischer Folktradition. Seine warme, prägnante Stimme erlaubt Vergleiche, beispielsweise mit der Folklegende Christy Moore. Auf der Bühne gewinnt Martin Hutchinson sein Publikum schnell mit Charme und augenzwinkerndem Humor.
Fr 19.10. | 20 Uhr | Marburg | TurmCafé
 
Tipp der Woche

Foto: Nati
Seit 2010

Seit 2010 experimentiert die Schweizer Band Ghost Town mit der Transformation kommerzieller Popmusik hin zur Neu­inter­pre­tation ins Reich der freien Improvisation. Dies wird in den ersten sechs Jahren als Gitarrentrio umgesetzt und 2016 durch Joana Aderi – Gesang und experimental electronics – erweitert mit Murderballads, Seashanties, Lovesongs und Liedern aus der Zeit der großen Depression 1929. Diese und weitere Themen bilden die Basis der amerikanischen Blues- und Countrymusic der 1920er bis 1940er Jahre, und die Band zelebriert diese American Roots Music mit improvisatorischer Frische, fetten Grooves und einer ordentlichen Prise schwarzen Humors.
Di 23.10. | 20.30 Uhr | Marburg | Cavete
 
Aktuelles Heft
Zum Anschauen und Blättern klicken Sie bitte auf den Hefttitel.
 
Kulturtipps 2018
Zum Anschauen und Blättern klicken Sie bitte auf den Hefttitel.
 
Ausgehen & Einkaufen
Zum Anschauen und Blättern klicken Sie bitte auf den Hefttitel.