Marburg hat sich beim Fahrradklimatest des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs ADFC leicht verschlechtert. Nach Schulnoten erreicht die Universitätsstadt damit nur ausreichend (Note 3,8). Allerdings sind die Radklimanoten bundesweit abgerutscht, so dass sich Marburg im Städteranking sogar verbessern konnte. Damit steht die Universitätsstadt bei den Städten ihrer Größenordnung auf Platz 2 in Hessen und Platz 24 bundesweit.
Wolfgang Schuch vom Marburger ADFC erklärt sich das Phänomen vor allem mit der steigenden Zahl von Radlern. Es gebe viele Menschen, die das Radfahren etwa durch die Pedelecs erst vor kurzem für sich entdeckt hätten. Dies zeige sich auch darin, dass mit 300 Teilnehmern mehr als doppelt so viele Marburger über das Radklima geurteilt hätten als 2016 (143). Und die Neueinsteiger seien "noch nicht so abgebrüht", sagt Schuch. Sie nähmen noch stärker wahr, wie gefährlich und unzureichend das Radfahren an vielen Stellen sei, sagt der Verkehrsexperte: "Wer regelmäßig Rad fährt, ist da schon abgehärtet."
Konkret zählt das ursprünglich vom Asta der Universität eingeführte Angebot für Leihräder zu den großen Stärken der Stadt hier erreichte Marburg die Note 2,1. Diese Räder können inzwischen auch von Nicht-Studierenden in den ersten 30 Minuten kostenfrei benutzt werden. Honoriert wurde von den Radlern auch, dass bei der Einrichtung der Baustelle rund um die Weidenhäuser Brücke ausnahmsweise an eine Fahrradspur gedacht wurde beim Thema Baustellen schneidet die Stadt deutlich besser als vergleichbare Kommunen ab. Auch die Fahrradmitnahme in Bussen, die in Gegenrichtung geöffneten Einbahnstraßen und die Ampelschaltungen wurden positiver vermerkt.
Zu den großen Schwächen Marburgs zählt nach wie vor das miserable Miteinander zwischen Fahrradfahrern und Autofahrern. Mit der Note 4,5 wird es auch noch deutlich negativer bewertet als in vergleichbaren Städten. Noch schlechter kommt die Kontrolle der Falschparker auf Radwegen weg. Da haben die Befragten den Eindruck, dass "großzügig geduldet wird, wenn Autofahrer auf Radwegen parken."
Zudem fühlen sich die Radfahrer im Marburger Straßenverkehr noch gefährdeter als in anderen Städten. Auf der Fahrbahn werde man häufig bedrängt oder behindert, und auch die Radwege seien nicht sicher, urteilen sie. Die Mehrheit der Eltern lässt ihre Kinder deshalb nur mit einem unguten Gefühl aufs Rad. Selbst größere Kinder könne man "nicht mit gutem Gewissen allein Rad fahren lassen", sagen die Befragten.
Nach Einschätzung von Wolfang Schuch zeigen die Werte auch, dass die Stadt in den vergangenen zwei Jahren "so gut wie nichts für die Radler gemacht" habe. Einzige Ausnahmen: Der Fahrradstreifen an der Baustelle rund um die Weidenhäuser Brücke und die orangefarbenen Leitfahnen, die den Radweg am Pilgrimstein von der Straße abgrenzen. Im Pilgrimstein sei die Situation seitdem "deutlich entspannt". Die Leitfahnen seien allerdings erst im Oktober nach Abschluss der Befragung installiert und damit noch nicht in das Ergebnis eingeflossen. Zu wenig Werbung gebe es für das gute Angebot der Leihräder. Positiv registriert Schuch die Anstrengungen desLandkreises Marburg-Biedenkopf, der 30 Prozent seines Straßenverkehrs-Etats für den Radverkehr reserviert habe. Seine Erklärung: "Die Landrätin fährt im Alltag Rad und hat gar kein Auto."
Der Marburger Oberbürgermeister Thomas Spies erklärt sich das Umfrageergebnis eher mit gestiegenen Erwartungen der Radler: "Der Test zeigt, dass der Radverkehr insgesamt mehr Aufmerksamkeit hat." Im Vergleich zu anderen Städten ihrer Größenordnung habe sich Marburg sogar von Platz 39 auf Platz 24 von 106 verbessert. Und er erinnerte daran, dass die Universitätsstadt bis 2014 zu den fahrradfeindlichsten Städten Deutschlands zählte und sich seitdem ins vordere Viertel vorgearbeitet habe: "Das ist ein enormer Erfolg." Es gebe allerdings immer noch einen "erheblichen Nachholbedarf im Radverkehr". In den vergangenen zwei Jahren sei der Radverkehrsplan abgeschlossen worden. Gemeinsam mit dem Landkreis werde eine Prioritätenliste für vordringliche Projekte entwickelt. Wichtig seien Radwege zum Pharmastandort in Görzhausen und auf die Lahnberge.
Und für die zweite Jahreshälfte kündigte er ein großes Projekt für die Nordstadt an: Dann soll wie seit vielen Jahren gefordert die Elisabethstraße so umgebaut werden, dass dort auch Radler Platz haben. Auf der kurzen, aber zentralen Einbahnstraße vor der Elisabethkirche soll es erstmals einen Radweg in Gegenrichtung geben. Möglich wird dies, wenn die Autos nur noch auf einer Spur rollen. Zugleich sollen Radwege in der oberen Bahnhofsstraße gebaut werden.