Express Online: Editorial | 30. Juni 2005

Verlustmeldung

Ich möchte hier trotz herrlichsten Sommerwetters auf ein lange totgeschwiegenes Stubenhocker-Phänomen hinweisen. Das "Arltsche Negativ-Bastelfeld", kurz ANB. Das ANB tritt immer dann zutage, wenn mit einer wichtigen Fitzeligkeit zwischen schwitzigen Pinzettenfingern hantiert wird. Durch einen noch nicht näher untersuchten plötzlichen Impuls im komplizierten Wirkungsgefüge von manueller Feinmotorik, Werkzeug und Objekt macht sich letzteres selbständig.

Während man noch flucht, baut sich blitzartig ein ANB auf. Konsequenz: Statt brav der Schwerkraft zu gehorchen und schlicht auf den Boden zu fallen, folgt die freigesetzte Fitzeligkeit den wunderlichsten Raumbahnen. Ich selbst habe ein ringförmiges Objekt von knapp 1,5 mm Durchmesser Tage später mehr als drei Meter (!) vom anzunehmenden Aufschlagsort wiederfinden können. Freilich ein Ausnahmefall. Denn üblicherweise verschwindet, was einmal ins ANB gerät, auf Nimmerwiedersehen.

Es gibt allerdings eine Hypothese, die besagt, dass Objekte im ANB nicht aufhören zu existieren, sondern anderweitig spontan materialisieren. Die Vorstellung allerdings, dass vor 374.912 Jahren ein beteigeuzischer Schleimbeutler mein gestern von der Pinzettenspitze gesprungenes Schiffsschräublein in seinen wurschtigen Tentakeln gehalten haben wird, hat genausowenig Tröstliches wie ihr mögliches vice versa. Deshalb begibt sich gefrustet ins Freibad

Michael Arlt



Copyright © 2005 by Marbuch Verlag GmbH