Dienstag, 26. März 2019
Thema der Woche | 10. Januar 2019

Fakten und Fiktion

Astronom, Blogger und Wissenschafts­kabarettist Florian Freistetter im Interview – Foto: Ernesto Gelles

Mit seinen Kollegen von den Science Busters widmet sich der Astronom, Wissen­schafts­blogger und Wissenschafts­kabarettist Florian Freistetter am 17. Januar um 20.00 Uhr im KFZ der Fernsehserie Game of Thrones. Das Wissen­schafts­quartett mit Martin Puntigam, Florian Freistetter, Martin Moder und Elisabeth Oberzaucher erklärt in "Winter is coming – Die Wissenschaft von Game of Thrones" Phänomene, die sich in Westeros zutragen. Im Express-Interview spricht Freistetter über wegfließende Mauern, Fake News & Klimawandel und überzeugende Argumente.

Express: Die Science Busters beschäftigen sie sich in ihrer Show in Marburg mit der Erfolgsserie Game of Thrones. Da gibt es eine gewaltige, 200 Meter hohe Eismauer. Könnte man so etwas tatsächlich bauen?

Florian Freistetter: Man könnte so eine Mauer bauen. Man würde nur niemals fertig. Denn so eine Eismauer hätte natürlich ein sehr großes Gewicht. Damit würde die Mauer von oben nach unten drücken – und unweigerlich an ihrer Basis flüssig werden. Weil dort die Wassermoleküle im Eis so zusammen­ge­drückt würden, dass sie nicht mehr fest bleiben könnten. Das heißt: Diese Mauer würde einem während des Baus wegfließen.

Aber Game of Thrones spielt ja in einer Fantasiewelt und da hat man den schönen Ausweg aus der Wirklichkeit, der sich Magie nennt. Wenn die Physik dem Bau einer großen Mauer entgegensteht, dann wird sich sicher ein Zauber­spruch finden, mit dem man das beheben kann.

Express: Sie sind Astronom – und setzen sich als Wissenschafts-Blogger und Wissenschafts­kabarettist dafür ein, komplexe wissenschaftliche Zu­sam­menhänge so zu vermitteln, dass sie Spaß machen und allgemein­ver­ständlich sind. Was treibt Sie an?

Freistetter: Erstens: Allen Wissenschaftlern sollte es ein Anliegen sein, ihre Forschung nicht nur mit Kollegen, sondern auch der öffentlichkeit zu teilen. Ein Großteil der Wissenschaft wird von der öffentlichkeit finanziert, vor allem die Grundlagenforschung. Da hat die öffentlichkeit dann auch ein Recht, zu erfahren, was die Wissenschaft mit ihrem Geld macht. Zweitens ist es wichtig, Wissen zu vermitteln. Wissenschaftliche Erkenntnisse sind die Grundlage für viele Entscheidungen, die unsere Gesellschaft zu treffen hat. Stichworte sind etwa der Klimawandel, die Energiewende, die Atomkraft, die Nanotechnologie oder die Forschungen zur Gentechnik.

Und je mehr wir Bürger über die wissenschaftlichen Hintergründe Bescheid wissen, desto besser können wir Entscheidungen treffen. Dann müssen wir die Entscheidungen nicht Politikern überlassen, die meistens auch keine Ahnung haben und sich von irgendwelchen Lobbygruppen beeinflussen lassen. Und Konzepte zur Umweltpolitik von Auto-Lobbyisten entwickelt werden.

Deshalb sollte es allen Menschen, nicht nur allen Wissenschaftlern, ein Anliegen sein, über Wissenschaft zu informieren – und sich zu informieren. Unser Wissen­schafts­kabarett ist da ein recht guter Trick, um Erkenntnisse in die Welt zu bringen.

Express: Wird man als Wissenschafts­kabarettist von seinen Forscher­kol­le­gen ernst genommen? Derart populäre Wissen­schafts­kommuni­kation war lange verpönt ...

Freistetter: Zumindest in Deutschland und österreich war das früher verpönt. Es gibt immer noch Professoren in Universitäten, die diese Art der Wissen­schafts­kommunikation für Anbiederung halten und als unseriös ansehen. Das ändert sich zum Glück. Weil auch die Universitäten erkannt haben, dass sie mit der Welt reden müssen. Es gibt immer mehr Professuren für Wissenschafts­kommunikation. Helmut Jungwirth, der auch Mitglied der Science Busters ist, hat 2016 die erste Professur für Wissenschafts­kommunikation in österreich bekommen. Es ändert sich langsam und das ist auch gut. Denn Wissenschafts­vermittlung ist meiner Meinung nach so wichtig, wie die Wissenschaft selbst. Wenn man die Forschung nicht weitererzählt, bringt die ganze Forschung nichts.

Express: Ist das heute besonders wichtig? In einer Zeit, in der Populisten erstarken und in den Sozialen Medien massenhaft Fake News auch zu wissenschaftlichen Themen wie etwa dem Klimawandel zu finden sind? Ist es da nicht auch schwieriger geworden, wissenschaftliche Erkenntnisse zu vermitteln?

Freistetter: Ich würde nicht sagen, dass es schwieriger ist. Als ich in der Schule war, in den 1990er Jahren, musste man in eine Bibliothek gehen und nach­schlagen, wenn man zum Beispiel etwas über Sterne erfahren wollte.

Heute, wenn ich Lust habe etwas über Sterne herauszufinden, dann gehe ich ins Internet und finde hunderte Blogartikel, Podcasts oder Youtube-Videos. Das Angebot an Wissen ist durch das Internet extrem gewachsen. Es ist fantastisch, dass dieses Wissen allen zur Verfügung steht. Natürlich ist auch im gleichen Maße das Angebot an Dummheit gewachsen. Dummheit und Wissen gab es immer schon, nur früher lokal verortet. Heute können sowohl die Wissen­schaftler mit der ganzen Welt reden als auch die Dorf­deppen zu globalen Deppen werden.

Es gibt neue Wege der Kommunikation – und wenn die Wissenschaft weiterhin gehört werden will, dann muss sie diese Wege nutzen. Dann muss die Wissen­schafts­kommunikation auch in Blogs, Podcasts, bei Facebook, bei Instagram etc. stattfinden. Da darf die Wissenschaft nicht hinten dran bleiben. Sonst überwiegen tatsächlich die Fake News, wenn die Wissenschaftler sich den neuen Medien verweigern, die die anderen ganz selbstverständlich nutzen.

Express: Die Klimaforschung und der Klimawandel gehören zu den Themen, mit denen Sie sich regelmäßig in Ihrem Blog beschäftigen. Was sind den die gängigsten Fake News dazu?

Freistetter: Die grundlegendste Falschinformation zum Klimawandel ist, dass der Klimawandel gar nicht stattfindet. Das trauen sich aber immer weniger Leute zu behaupten, weil man das Gegenteil so leicht belegen kann.

Ein Standard-Argument ist, dass der Klimawandel quasi ein "natürliches" Phänomen sei, für das wir Menschen nichts können. Mit der un­aus­ge­sproch­en­en Konsequenz, dass wir uns darum auch nicht kümmern müssen, sondern alles genauso weitermachen können, wie bisher. Das ist etwas, was durchaus keine Minderheiten-Meinung ist. Wir haben den amerikanischen Präsidenten, der so etwas erzählt. Und wir haben, ich bin ja österreicher, unseren Vize­kanzler von der FPö, Heinz-Christian Strache. Der hat gerade vor ein paar Wochen wieder erzählt, dass er nicht glaubt, dass der Mensch für den Klimawandel verantwortlich ist. In Deutschland gibt es beispielsweise auch Leute bei der AfD, die so etwas erzählen.

Genau da muss sich dann auch die Wissenschaft positionieren und in das Politik­geschäft einmischen – und nicht denken, "die Deppen ignorieren wir jetzt".

Das Motto der Science Busters ist ja nicht umsonst, was Marie von Ebner-Eschen­bach gesagt hat: "Wer nichts weiß, muss alles glauben." Das ist genau das, worum es geht. Je mehr die Menschen wissen, desto weniger sind sie auf Glauben angewiesen.

Express: Wie würden Sie denn versuchen, jemanden, der den von Menschen verursachten Klimawandel leugnet, vom Gegenteil zu überzeugen? Wenn Sie zum Beispiel mit dem US-Präsidenten darüber sprechen könnten? Haben sie da einen Ansatz – oder würde das nichts bringen?

Freistetter: Das ist in der Tat die Kernfrage der Wissenschafts­kommunikation.

Ich muss da etwas ausholen: Die Menschen, die zu uns in die Shows kommen, wollen uns sehen und sind somit prinzipiell bereit, uns zuzuhören. Im Publikum werden keine "Wissenschafts­feinde" sitzen. Da ist die Wissen­schafts­kommu­ni­kation vergleichs­weise einfach. Da geht es nur darum, sich zu überlegen, wie man komplexe Themen allgemeinverständlich erklärt, so dass es Spaß macht.

Bei dem Beispiel Trump geht es aber um jemanden, der nicht zuhören will. Das muss nicht unbedingt Trump sein, das könnte auch ein überzeugter Esoteriker oder Astrologie-Fan sein. Wenn man mit so jemandem redet, ist die Wahr­schein­lich­keit groß, dass man nicht weiterkommt: Ich sage, was ich für richtig halte. Er sagt, was er für richtig hält. Am Ende haben wir uns gestritten und keiner hat der Argumentation des anderen wirklich zugehört.

Express: Das ist das Grundproblem ...

Freistetter: Man muss einen Weg finden, wie man den Gegenüber zum Zuhören bekommt. Ich habe mir darüber lange Gedanken gemacht und zwei Wege gefunden, die manchmal funktionieren: Zum einen kann man den Leuten Fragen stellen, sie bitten, dass sie mir ihre Meinung erklären. Wenn man die Leute dazu bringt, über ein Thema nachzudenken, hat man vielleicht eine Chance, dass sie einen Fehler in ihrer Argumentation erkennen.

Der zweite Ansatz wäre, wenn man zum Einstieg des Gesprächs eine Gemein­sam­keit findet. Bei jemandem, der an Astro­logie glaubt, könnte ich als Astro­physiker sagen, dass ich es toll finde, dass er sich für die Sterne interessiert. Das tue ich nämlich auch. So könnte man ins Gespräch kommen. Bei Trump wüsste ich dazu spontan leider keinen Weg. Da fällt mir nichts ein, was ich mit ihm gemeinsam haben könnte.

Express: Das Jahr hat gerade begonnen: Was ist den Ihr wissenschaftliches Lieblingsthema 2019?

Freistetter: Oh, das ist eine gute Frage. Ich gebe ihnen da wahrscheinlich eine ganz andere Antwort als meine Science-Busters-Kollegen. Ich als Astronom und großer Fan von Asteroiden, die auch mein Spezialgebiet sind, bin natürlich begeistert von den Asteroiden-Missionen 2019.

Das Jahr hat ja schon damit begonnen, dass die Nasa-Sonde New Horizons am Asteroiden Ultima Thule vorbeigeflogen ist, dem entferntesten Objekt, das wir jemals mit einer Raumsonde besucht haben. Die ersten groben Bilder haben wir schon bekommen. Aber die detaillierten Aufnahmen werden in den nächsten zwei bis drei Monaten auf der Erde eintreffen. Daraus werden wir phantastische Dinge lernen können. Das sind quasi Standbilder aus der Zeit der Planeten­ent­stehung vor viereinhalb Milliarden Jahren. Damit können wir verstehen, wie die Planeten damals entstanden sind. Wir werden Bilder sehen aus einer Region des Sonnensystems, die noch komplett unerforscht ist.

Interview: Georg Kronenberg

Tipp des Tages

Japanic

Foto: J.I.M.
Aki Takase, preisgekrönte Pianistin und Komponistin, zeigt mit ihrem neuen Quintett Japanic, dass Jazz nichts von seiner Dynamik, Spielfreude und Spaß verloren hat. Mit ihren jungen Kollegen Daniel Erdmann am Saxophon, DJ Illvibe an den Turntables, Johannes Fink am Bass und Dag Magnus Narvesen am Schlagzeug hat sie sich profunde und experimentierfreudige Musiker an ihre Seite geholt, um neue musikalische Welten zu bereisen. "Freiheit und Form sind für Aki Takase keine Gegensätze, sondern miteinander verwobene Ebenen ihrer Musik, die zudem durch einen ihr eigenen Humor besticht – jenseits jeglicher Effekthascherei,", lobt die Laudatio zum Jazz Preis Berlin 2018. Also kein "funny smelling jazz", aber eine Tour de Force mit neuen und aufregenden Kompositionen, zu denen jeder etwas beisteuert. Jazz, der alle Generationen anspricht und so manch junger Band das Fürchten lehrt.
Di 26.3. | 20.30 Uhr | Marburg | Cavete
 
Tipp der Woche

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