Dienstag, 23. Oktober 2018
Thema der Woche | 22. Februar 2018

Kamera und kugelsichere Weste

Die Krisen- und Kriegsfotografin Ursula Meissner

Dreißig Jahre als Krisen- und Kriegsfotografin stellt Ursula Meissner am 6.3. im KFZ im Vortrag "Mit Kamera und kugelsicherer Weste" vor. Sie erzählt von Bomben und Entführungen, aber auch von Antriebskraft und wie nahe sich Hässlichkeit und Schönheit im Krieg sein können.

Express: Was hat Sie bewegt, Krisen- und Kriegsfotografin zu werden?

Ursula Meissner: Ich hatte das anfangs gar nicht im Kopf. Ich habe für das ZDF gearbeitet und war fünf Jahre als freie Mitarbeiterin im Ausland. Dazu gehörte auch die Berichterstattung Afghanistan. Da hatte ich 1986 mein erstes Kriegs­er­lebenis. Nachdem wir einen russischen Bombenangriff überlebt hatten, habe ich gesagt, ich mache das nie wieder. Aber es waren die Menschen. Wenn man in die Augen dieser Frauen und Kinder blickt, die am meisten leiden, will man all die Strapazen und Gefahren auf sich nehmen, um aus Ländern wie Af­gha­nis­tan zu berichten.

Express: Was hält die Menschen in diesen Gebieten am Leben?

Ursula Meissner: Die Menschen lachen sehr viel, aus dem Lachen schöpfen sie Kraft. Es nützt ihnen nichts, den Kopf in den Sand zu stecken, denn sie müssen überleben. Auch hier sind es meistens die Frauen, die alles am Leben halten und in den Trümmern nach Essbarem suchen, während die Männer am Straßen­rand sitzen und ihre Depressionen pflegen.

Express: Wie begegnen Ihnen die Menschen?

Ursula Meissner: Erst ist es Hoffnung und Freude. Wenn der Krieg noch nicht lange anhält, werden wir mit offenen Armen empfangen. Wir bekommen den letzten Kaffee oder es wird der letzte Hammel geschlachtet. Je länger der Krieg andauert, desto mehr schwindet diese Hoffnung. Dann kann es auch passieren, dass sie mit Steinen werfen ...

Express: Sie wurden in Afghanistan gekidnappt. Wie haben Sie das über­standen?

Ursula Meissner: Das war eine sehr brenzlige Situation. Wenn man gekidnappt wird, ist der einzige Gedanke: Wie kommt man hier raus? Da ich groß bin und nicht devot, habe ich mich nicht wie eine Frau verhalten. Innerlich bin ich aber fast gestorben vor Angst. Ich dachte mir, entweder vergewaltigen sie mich oder bringen mich um. Letztlich wollten sie Geld. Sie haben sich auf meinen Vor­schlag eingelassen, in das nächste Dorf zu fahren. Dort würde ich ihnen das Geld geben. Das Hässliche und das Schöne ist ganz nah beieinander. Im einen Moment werden Sie gequält, vergewaltigt und umgebracht. Davor oder danach können die Täter mit Ihnen lachen. Man muss versuchen, die Situation richtig einzuschätzen und keine Angst zeigen. Im Krieg passieren ungewöhnliche Dinge, die man nicht vorhersehen kann.

Express: Wie verarbeiten Sie dieses Erlebnis?

Ursula Meissner: Ich hatte ein Trauma und habe nur noch funktioniert. Ich konnte auch nicht darüber reden, weil ich sonst in Tränen ausgebrochen wäre. Dann habe ich viel darüber geschrieben und erzählt. Deshalb kann ich heute leichter davon sprechen, weil ich es verarbeitet habe.

Express: Schützen Sie sich auf eine bestimmte Weise?

Ursula Meissner: Nein. Man kann sowas nicht voraussagen. Ich hatte damals drei Begleiter, aber die wurden von mir getrennt. Die konnten mich gar nicht beschützen. Man muss die Mentalität kennen und gute Begleiter haben, die sich Stringer nennen. Vor allem muss einem bewusst sein, dass man der gleichen Gefahr ausgesetzt ist wie die Menschen vor Ort. Ich habe im Laufe der Jahre gelernt, keine Hysterie aufkommen zu lassen. Was man nicht lernt, ist ein gutes Bauchgefühl. Wenn ein kleiner süßer Knirps mit einem Gewehr vor einem steht, denkt man sich, der wird nicht schießen. Aber der wird schießen, denn die haben keine Skrupel.

Express: Sie tragen am Körper also keine Waffen?

Ursula Meissner: Nein. Ich habe nur meine Kamera. Mit der kann ich das Meiste ertragen, was ich sonst nicht sehen kann. Die Kamera gib mir eine gewisse Distanz, um alles dort auszuhalten.

Express: Ihre Aufnahmen zeigen auf der einen Seite das Leid, aber auch blühende Landschaften. Was möchten Sie mit diesen Gegenüberstellungen vermitteln?

Ursula Meissner: Ich habe immer versucht das Hässliche mit dem Schönen zu verbinden. Wenn man von der Schönheit angetan ist, dann sieht man auch das Hässliche. Das habe ich auch mit meinem bekanntesten Kriegsbild "Der Cellist in den Ruinen" geschafft. Es ist deswegen bekannt, weil es zunächst berührt, denn im ersten Moment sieht man einen Mann Cello spielen: Im nächsten erkennt man, dass dort Krieg herrscht. Damit überlegen sich die Menschen, was Krieg eigentlich bedeutet.

Express: Sie möchten die Menschen außerhalb der Kriegsgebiete also wachrütteln?

Ursula Meissner: Wenn ich als Pazifistin, die ich schon immer war, unterwegs bin, versuche ich Reportagen zu machen die zeigen, was Krieg für Menschen bedeutet. Für mich ist das Wichtigste, dass Menschen sehen wie sittenlos der Krieg ist. Wie sich das Leben von heute auf morgen im Krieg verändern kann. Solche Reportagen mache ich besonders gerne, um andere wachzurütteln.

Express: Inwiefern unterscheiden sich Ihre Bilder von denen der Nachrichtenportale, die im Sekundentakt Kriegsbilder zeigen?

Ursula Meissner: In den Nachrichten sieht man nur einen Ausschnitt. Das war mit Syrien oder Libyen der Fall. Man hat über einen langen Zeitraum täglich Bilder gesehen, und plötzlich ist es vorbei. Aber für die Menschen in den Kriegs­gebieten ist es noch lange nicht vorbei. Ich mache Hintergrundreportagen, um Tod, Hunger, Leid und Not zu zeigen. Damit man sieht, wie sehr die Menschen unsere Hilfe benötigen. Die heutigen Generationen wissen nicht was Krieg ist. Deshalb müssen Menschen wie ich in die Kriegs­ge­biete, um intensiv zu zeigen, was es ist.

Express: Haben Sie gegenüber ihren männlichen Kollegen einen Vorteil?

Ursula Meissner: Als Frau wird man oft unterschätzt. Das ist ein großer Vorteil. In Bosnien habe ich von Heckenschützen mein erstes Bild gemacht. Dort haben sie auf Kinder und Frauen wie auf Hasen geschossen. Meine Kollegen schickten mich vor, weil sie wussten, dass die Heckenschützen mich fotografieren lassen. Und so war es auch!

Express: Wie sieht die Organisation für eine Reise in ein Krisengebiet aus?

Ursula Meissner: Die Wege in Kriegsgebiete sind sehr schwierig, da es keine Infrastruktur gibt. Wenn ich zum Beispiel nach Gaza möchte, brauche ich eine Genehmigung von den Israelis und den Palästinensern. Da ich keine Agentur bin, sondern alleine mit Aufträgen reise, muss ich alles selbst organisieren. Ich muss mir Leute vor Ort suchen, die mich vom Flughafen abholen und die mir eine sichere Unterkunft besorgen. Ich muss schauen, wie ich wo hin komme. Das muss alles in der Vorbereitung passieren, denn vor Ort habe ich keine Möglichkeit. Dabei dauert die Vorbereitung meist genauso lange wie die Reise. Also ein bis zwei Wochen.

Express: Welche Länder und Projekte stehen demnächst an?

Ursula Meissner: Der Kongo steht gerade an. Aber meine nächste Reise wird nach Palästina gehen. Im Februar und März habe ich noch Organisation und Vorträge. Aber zwischen Mitte März und Anfang April fliege ich. Zunächst in den Libanon und von da aus nach Palästina.

Express: Was erwartet uns bei Ihrem Vortrag "Mit Kamera und kugel­sicherer Weste"?

Ursula Meissner: Es ist ein Vortrag über 30 Jahre Krisen- und Kriegsgebiete, in denen ich gearbeitet habe. Ich erzähle wie man arbeitet, hin kommt, was man erlebt und was die Problematik ist. Die Situation ist ja ganz anders als hier­zu­lande. Deswegen wird es Berichte aus den Kriegsgebieten geben, die man sonst nicht liest und auch nicht hört.

Lichtbildshow
"Mit Kamera und kugelsicherer Weste", Aus dem Alltag einer Kriegsfotografin, Lichtbildshow von Ursula Meissner – Di 6.3. 19.30, KFZ – www.planetview.de, www.ursulameissner.de
Ursula Meissner
... begibt sich seit 30 Jahren regelmäßig mit der Kamera in Krisen- und Kriegs­gebiete. Ihre journalistische Laufbahn begann 1984 beim ZDF in Südostasien. Berührt vom Leid der Kriegsopfer, hält die Mainzerin seitdem mit der Kamera das Schicksal der Menschen vor Ort fest. Ihre Eindrücke fasste sie in bislang vier Bild­büchern – "Afghanistan – Rosen, Mohn, 30 Jahre Krieg", "Help My", "Todestanz" und "Mit Kamera und kugelsicherer Weste" – zusammen. In Vorträgen berichtet Ursula Meissner über ihre Arbeit.
N.O.

Interview: Noran Omran

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Foto: Nati
Seit 2010

Seit 2010 experimentiert die Schweizer Band Ghost Town mit der Transformation kommerzieller Popmusik hin zur Neu­inter­pre­tation ins Reich der freien Improvisation. Dies wird in den ersten sechs Jahren als Gitarrentrio umgesetzt und 2016 durch Joana Aderi – Gesang und experimental electronics – erweitert mit Murderballads, Seashanties, Lovesongs und Liedern aus der Zeit der großen Depression 1929. Diese und weitere Themen bilden die Basis der amerikanischen Blues- und Countrymusic der 1920er bis 1940er Jahre, und die Band zelebriert diese American Roots Music mit improvisatorischer Frische, fetten Grooves und einer ordentlichen Prise schwarzen Humors.
Di 23.10. | 20.30 Uhr | Marburg | Cavete
 
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