Dienstag, 11. Dezember 2018
Thema der Woche | 13. September 2018

Vorhang auf

Marburgs neue Intendantinnen Eva Lange und Carola Unser

Mit einem Premierenwochenende vom 21. bis zum 23. September startet das Hessische Landestheater Marburg unter neuer Leitung in die "Transit Leben" überschriebene Spielzeit. Im Express-Interview berichten die neuen Inten­dant­innen Eva Lange und Carola Unser, wie es auf den Marburger Bühnen nach der Ära Faltz weitergehen wird.

Express: Sie beschäftigen sich nicht nur am Premierenwochenende mit Umbrüchen, Veränderungen, – persönlichen, weltgeschichtlichen oder gesellschaftlichen wie den 68ern. Viele Menschen haben heute das Gefühl, in einer Zeit von großen Veränderungen zu leben – und haben Angst vor diesem Wandel. Kann das Theater ihnen helfen? Antworten geben?

Carola Unser: Ich hoffe sehr, dass Theater helfen kann, – indem es die Men­schen animiert, viele Fragen zu stellen, die ihnen wiederum helfen können, um möglichst gut in diesem Dickicht der Veränderungen zurechtzukommen.

Ich glaube, Antworten auf die Fragen geben zu wollen, wäre vermessen. Wir können versuchen, für die Zuschauer verschiedenste Schubladen aufzumachen, die als Optionen im Raum stehen. Das ist die Chance des Theaters.

Eva Lange: Wir haben die Spielzeit "Transit Leben" genannt, weil es uns sehr wichtig ist, dass der Übergang, die Veränderung nicht nur etwas ist, in das ich geraten kann, – sondern dass jeder den Transit selber mitgestalten kann. Dass Umbrüche auch positiv als Aufbruch verstanden werden können.

Wir umkreisen und erforschen das Thema "Transit Leben" auf der Bühne mit vielen unterschiedlichen Beispielen und Situationen, die man vielleicht aus dem Alltag kennt. Das wäre dann schon ein kleiner Traum, wenn der ein oder andere Zuschauer sagt, "nach meinem Theatererlebnis schaue ich nochmal anders auf die Situation, überlege, was ich verändern kann".

Carola Unser: Es geht auch einfach um das Gefühl, dass man mit seiner Angst vor ungewissen Veränderungen nicht allein ist. Dass es total normal ist, Angst zu haben. Ich habe, wenn ich ehrlich bin, wahnsinnig viel Angst und ich glaube, ganz vielen Menschen geht es ähnlich. Was das Theater kann ist einzuladen, sich zu verbinden, zu solidarisieren, sich zu finden. Mit unseren Stücken wollen wir zu einem Diskurs einladen, der solch eine Verbundenheit schaffen könnte. Unser Ziel ist, mit den Stücken und auch mit den Angeboten darüber hinaus, einen Raum zu schaffen, in dem Menschen miteinander sprechen und diesen Transit, diese Veränderungen gemeinsam gehen können.

Express: Sie haben bei ihrer Vorstellung gesagt: "Theater, wie wir es machen, würde in keine andere Stadt besser passen". Warum?

Carola Unser: Marburg ist eine sehr besondere Stadt, was ihre Diskurse angeht. Ich habe in vielen Städten Deutschlands gelebt und habe aber noch nie so bewußt wahrgenommen, dass es so einen intensiven Diskurs gibt mit den Bürgern. Zum Beispiel die städtische Bürger*innenbeteiligung. Ich sehe auch bei Facebook, wie sehr die Stadt und die Bürgerkommunizieren. Und da wir beide durch das Model der Doppelspitze für Diskurs stehen und nicht alleine ent­scheiden, sondern auch in unserem Team versuchen einen Diskurs zu ent­fachen, glauben wir, dass wir hier sehr gut hinpassen.

Eva Lange: Wir haben beim Kennenlernen von Marburg ganz schnell fest­ge­stellt, dass wir in einer Stadt sind, in der viele Menschen, die im Kulturbereich oder auch im Jugendbereich arbeiten, unglaublich gut vernetzt sind. Ein sehr gutes Beispiel ist etwa das regelmäßige Kulturforum, bei dem sich die Kultur­schaffenden zusammensetzen. Das ist genau unser Ansatz, solche Ver­netz­ungen finden wir toll, weil man dadurch viel mehr erreichen kann. Und deshalb passen wir auch so gut hierher.

Express: Wie kommt das Theater näher zu den Bürgern – damit ein Diskurs überhaupt erst eröffnet werden kann?

Eva Lange: Da setzt auch die Idee von unserem Zuschauer*innenrat an. Wir haben Menschen unterschiedlichster Herkunft eingeladen, uns zu begleiten, möglichst alle Stücke zu sehen und uns am Ende zurückzumelden, wie die erste Spielzeit war.

Das Angebot ist sehr gut angenommen worden. Da gab es Leute, die uns teil­weise auf mehreren Seiten geschrieben haben, warum sie in dem Zuschauer­*innen­rat mitmachen wollen.

Wir bieten auch überproportional viele Publikumsgespräche und Einführungen zu den Vorstellungen an. Das ist ein Zeichen, wie gerne wir mit den Zuschauer­*innen im Gespräch sein wollen.

Carola Unser: Wir versuchen, das Theater durch ergänzende Formate zu stärken. Neben dem Zuschauer*innenrat und den Theatergesprächen starten wir dieses Jahr auch noch eine Marburg-Soap: "HEARTS IV". Dazu laden wir Amateure zum Mitspielen ein. Eine Autorin und eine Regisseurin wird mit ihnen arbeiten. Gemeinsam werden wir nach Marburger Geschichten und ja auch Ge­rüchten und Gemunkel suchen ... ein unterhaltsamer, lockerer, nicht bierernster Angang eines Communitydiskurses.

Ein anderer Punkt ist die Theaterkantine. Wir sind dabei, die Kantine wieder mit mehr Leben zu füllen – als Begegnungsort, in dem man nach der Premiere essen und trinken kann, mit den Schauspieler*innen reden kann, damit klar ist, dass wir hier nicht im Elfenbeinturm sitzen.

Eva Lange: Langfristig wollen wir aber weitergehen, auch Theater in den Stadt­teilen anbieten, wir glauben, das man zu den Menschen gehen muss. Das werden wir aber nicht alles in der ersten Spielzeit schaffen. Wir wollen jetzt erstmal den Schwanhof noch stärker ins Bewusstsein rücken und das Erwin-Piscator-Haus mit unserer Präsenz auch nochmal stärken – und dann in die Stadtteile gehen.

Uns interessiert auch sehr, wie man ein Publikum noch diverser machen kann. Das versuchen wir auch durch unser vielfältiges Ensemble, und die Themen, die wir auf der Bühne abbilden. Weil wir überzeugt sind, wenn ein Zuschauer das Gefühl hat, dass seine Geschichten nicht im Theater vorkommen, warum sollte er dann das Theater besuchen?

Express: Sie machen das Kinder- und Jugendtheater zur Chefinnensache, haben sie gesagt. Gibt es beim Kinder- und Jugendtheater generell Nach­hol­bedarf?

Eva Lange: Uns sind Kinder und Jugendliche so wahnsinnig wichtig, dass wir im Programmheft keine Unterscheidung zwischen Kinder- und Jugendtheater und Erwachsenentheater treffen. Alle Stücke werden gleichberechtigt, in der Reihen­folge der Premieren aufgeführt. Wir schreiben dabei immer, ab welchem Alter sich das Stück nach unserer Einschätzung eignet, um eine Orientierung zu geben.

Am Landestheater hat die großartige Arbeit unserer Abteilung "Theater und Schule" Tradition. Wir haben 66 Kooperationsschulen. Das hat Jürgen Sachs zusammen mit seinem Team über Jahre aufgebaut. Wir haben bisher rund zwei Drittel der Schulen besucht, mit den Lehrer*innen gesprochen. Die Lehrerinnen und Lehrer sind eine große Hilfe als Multiplikatoren – wenn das Elternhaus wenig Interesse an Theater hat. Das ist ein Anfang.

Carola Unser: Da schließt sich der Kreis zum Beginn des Gesprächs. Ich glaube sehr an die Kraft von Theater, was Bildungsprozesse betrifft. Kulturelle Bildung und allgemeine Bildung generell ist mit das Wichtigste, was ein Gemeinwesen leisten muss. Ein vom Land und der Kommune subventioniertes Theater hat die Aufgabe, da mit einzusteigen.

Die Sparte Kinder- und Jugendtheater schreiben sich viele gerne auf die Fah­nen. Aber wenn es um die harten Fakten geht, also Personal, Geld oder Probe­räume, dann wird diese Sparte schnell vergessen. Es gibt natürlich auch Häuser, wo das nicht so ist. Und an diesem Haus in Marburg ist das so und ganz klar: Kinder- und Jugendtheater ist ein wichtiger programmatischer Punkt.

Express: Die Überschrift der ersten Spielzeit ist "Transit Leben". Unter was für einer Überschrift sehen sie ihre ersten fünf Jahre als Intendantinnen? Gibt es da schon eine?

Eva Lange: Ich glaube, dieses Veränderungsthema wird uns weiter begleiten. Weil wir weiter an neuen Modellen des Stadttheaters arbeiten. Wenn ich zur Arbeit gehe, passiert es mir manchmal, dass ich nicht sage, "ich gehe heute ins Büro", sondern "ich gehe ins Labor". Das heißt, ich habe das Gefühl, wir sind eine Forscher*innengeneinschaft und erkunden mit allen Mitarbeitern gemein­sam, wie sich ein Theater 2018 weiterentwickeln kann. Das wäre für die nächsten fünf Jahre auch die Prämisse: Dass wir ständig in einem Weiter­ent­wick­lungs­prozess sein wollen.

Programm am HLTM-Premierenwochenende
Am 21. September feiert der Doppelabend "Maria Stuart/Ulrike Maria Stuart" in der Regie von Eva Lange Premiere. Sowohl Schiller als auch Jelinek beschreiben auf je eigene Weise politische und gesellschaftliche Umbrüche. Am 22. September folgt dann das Tanztheaterstück "Mein Platz, dein Platz" für Menschen ab drei Jahren und als weiterer Höhepunkt der Eröffnung wird dann am selben Abend eine deutsch-georgische Koproduktion präsentiert: "Radio Universe" von Nino Haratischwili. Haratischwili, unter anderem Brecht- und Lessing-Preisträgerin und zuletzt weltweit für ihren Roman "Das achte Leben" gefeiert, wird selbst Regie führen.Die Koproduktion mit dem Theater Tumanishvili in Tbilisi wird mit georgischen und deutschen Schauspielern inszeniert – passend zur Frankfurter Buchmesse und deren Gastland Georgien.

Interview: Georg Kronenberg

Tipp des Tages

Foto: Janine
Guldener
Andreas Rebers

Onkel Andi kommt, um mit dem Publikum Weihnachten zu feiern. Und er kommt nicht allein. Und Andreas Rebers bringt viele Freunde mit: den niedersächsischen Fliesenleger, Frau Flüchtling aus Syrien, Paddy O'Shonassey aus Irland und jede Menge Clowns, die uns das Leben schwer machen wollen. Aber es sollen auch selbst geschriebene Weihnachtslieder ge­schmet­tert werden, an die Kunst der Fuge von J.S. Bach er­in­nert und gute Fragen gestellt: Warum gibt es im Christentum nur Be­sche­rung und keine Beschneidung? Stimmt es, dass Salafisten in Deutschland Weih­nachts­geld bekommen und es sogar annehmen, ohne, dass sie sich in ihren religiösen Gefühlen verletzt fühlen? Was wollen die Deutschen an den Feier­tagen wirklich? Weihnachten, das ist das Fest der Liebe, aber es wird eben auch zum Showdown für Junggesellen und Kleinfamilien, die sich in der Welt des Konsums nicht mehr zurechtfinden. Hier hilft oft nur ein gut gemachter Exor­zis­mus, und genau der wird an diesem Abend stattfinden. "Weihnachten mit Onkel Andi", eine kabarettistische Betrachtung des Weihnachtsfestes, wird beschert
Di 11.12. | 20 Uhr | Marburg | KFZ
 
Tipp der Woche

Foto: Tim Ilskens
Jan Weiler

Inzwischen unterhält es seine Umwelt gleich in zweifacher Ausfertigung: Während Carla den Führerschein macht und mit ihrem Vater über die Preise von WG-Zimmern debattiert, hat sich Nick zum Parade-Exemplar entwickelt. Das männliche Pubertier besticht durch faszinierende Einlassungen zu den Themen Mädchen, Umwelt und Politik sowie durch seine anhaltende Be­geis­te­rungs­fähig­keit für ganz schlechtes Essen und seltsame Musik. Er wächst wie entfesselt und trägt T-Shirts und Frisuren, die uns dringend etwas sagen wollen. Natürlich spielt im dritten Teil von Jan Weilers Pubertier-Saga "Und ewig schläft das Pubertier" die Liebe eine immer größer werdende Rolle sowie Haut­un­reinheiten. Im Pubertierlabor werden über einen möglichen Zusammenhang beider Phänomene Mutmaßungen angestellt sowie über all die anderen großen und kleinen Hervorbringungen der Pubertät. Es geht zudem um Urlaub, Schule, schlechte Vorbilder und gute Einflüsse. Und um die Frage, wann diese ver­fluch­te Pubertät eigentlich aufhört ...
Mi 12.12. | 20 Uhr | Marburg | Waggonhalle
 
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