Dienstag, 11. Dezember 2018
Thema der Woche | 6. September 2018

Grazile Gratwanderung

Regisseurin Jana Ibold und Musikalischer Leiter Tom Feldrappe zur Waggonhalle-Produktion "Jekyll & Hyde" – Foto: Gerd Sycha

Express: Wie kam es dazu, Dr. Henry Jekyll und Mr. Edward Hyde an die Lahn zu bringen?

Tom Feldrappe: Die Reise begann mit der Musicalproduktion "Sweeney Todd", das 2014 in der Waggonhalle auf die Bühne gebracht wurde. 2015 folgte dann "Jesus Christ Superstar". "JCS" war sehr erfolgreich und der Grundstein für die nachfolgenden Produktionen. Danach inszenierten wir "Hairspray" im Jahr 2016, bei dem von 30 Shows 21 ausverkauft waren und das insgesamt von mehr als 3.500 Zuschauern besucht wurde.

Jana Ibold: Wir haben uns letztes Jahr zusammengesetzt und aus einer Liste von über dreißig Musicals ausgewählt, welches wirals nächstes machen möchten. Es wurde über die Umsetzbarkeit in Bezug auf den Raum, die Instrumentierung und das Schauspiels mit "semi-professionellen" Darstellern und Instrumentalisten gesprochen.

Tom Feldrappe: Aus dieser Diskussion kristallisierte sich schnell "Jekyll & Hyde" als Favorit heraus.

Express: Gibt es in der Musical-Fassung des Stoffes Abweichungen zur literarischen Vorlage?

Jana Ibold: Das Musical und der Roman teilen sich ein gemeinsames Grund­setting, unterscheiden sich aber auf vielen Ebenen fundamental. Es gibt im Musical beispielsweise eine, beziehungsweise sogar zwei Liebesgeschichten, im Roman nicht. Das Musical wird, wie der Roman auch, von Utterson erzählt, allerdings auf eine ganz andere Art. Das Publikum im Musical erfährt viel früher, was Dr. Jekyll in seinem Labor treibt und warum.

Tom Feldrappe: Generell gibt es ein paar kleinere Schnittstellen, aber be­son­ders viel haben Roman und Musical nicht gemeinsam. Die Grundhandlung aber bleibt: Dr. Jekyll versucht, das Böse und das Gute im Menschen voneinander zu trennen und experimentiert an sich selbst. Zunächst mit Erfolg, aber die Experi­mente laufen aus dem Ruder ...

Leid und Liebe, Tod und Moral ... Bühnen-Eindrücke von "Jekyll & Hyde" – Foto: Gerd Sycha

Express: Wie setzt sich das Ensemble zusammen?

Tom Feldrappe: Es gab eine öffentliche Castingausschreibung. Wir haben an zwei Tagen fast 60 Bewerberinnnen und Bewerber gesehen und gehört.

Jana Ibold: Schlussendlich sind es viele Studentinnen und Studenten aus dem Raum Gießen/Marburg, Schülerinnen und Schüler, aber auch aus Berufstätige im Finanz- und Steuerwesen, Pädagogen oder professionelle Musical­dar­stel­ler­innen und -darsteller. Ein bunt gemischtes, wahnsinnig talentiertes Ensemble aus verschiedenen Altersklassen, die Musical zu ihren Leidenschaften zählen und die neben ihrem normalen Alltag mit auf der Bühne stehen.

Express: Worin lagen die besonderen Herausforderungen dieser Produktion?

Jana Ibold: Für dieses Musical braucht man sowohl ein großes Ensemble als auch ein großes Orchester. Wenn viele Menschen, nebenberuflich ein so großes Projekt stemmen wollen, ist die Organisation von Proben, Kostümen und so weiter immer eine heikle Angelegenheit. Aber auch fast 40 Beteiligte gleich­zeitig auf die Bühne der Waggonhalle zu bringen und es dann auch noch gut aussehen zu lassen, ist eine Herausforderung.

Tom Feldrappe: Zudem besteht eine weitere große Herausforderung in dem Hantieren mit einem vergleichsweise kleinen Budget. Die Darstellerinnen und Darsteller benötigen rund 80 Kostüme, die mit einem Budget abgedeckt werden müssen, das in einem staatlichen Theater für vielleicht zwei Kostüme vor­ge­sehen ist. Die beschränkten finanziellen Mittel sind auch in der technischen Ausstattung bemerkbar. Der größte Kostenfaktor, neben den Tantiemen, liegt in der Leihe und Anschaffung von technischem Equipment. Die Raumsituation der Halle und Größe der Produktion – 19 Darstellerinnen und Darsteller und ein 19-köpfiges Orchester – führen an die Grenzen der Realisierbarkeit. Alle Darstellerinnen und Darsteller bekommen ihr eigenes Mikrophon, jedes akustische Instrument wird von einem Mikrophon abgenommen, und alle Kanäle laufen mit den elektronischen Instrumenten in einem Digitalmischpult zusammen. Für die technische Umsetzung werden fast fünfstellige Beträge eingeplant, damit wir mit unseren Ressourcen ein optimales Ergebnis erzielen können.

Jana Ibold: Das Stück an sich trägt sich wahnsinnig über die Charaktere des Dr. Jekyll – beziehungsweise natürlich Mr. Hyde – , der Lucy und der Lisa. Die Herausforderung, die aber auch gleichzeitig ein enormer Quell an kreativem Potential ist, war also, die Charaktere zu verstehen und sie Wirklichkeit werden zu lassen. In Verbindung mit der ausdrucksstarken, sehr von Leitmotiven geprägten Musik, darf es für mich dabei nicht pathetisch werden. Die Grat­wanderung muss gerade in diesem Stück besonders grazil erfolgen. Das Stück ist sehr düster, die Thematik sehr ernst. Was hier erzählt wird, ist ein bisschen die Geschichte eines jeden Menschen.

Für das Publikum ist es kein Entfliehen in heile Welten, es ist eine spannende Geschichte mit Leid und Liebe, Tod und Moral. Es darf dabei aber nicht die Moralkeule geschwungen werden. Das Publikum soll über das eigene Leben reflektieren, über das eigene Verhalten, über die eigene Motivation und Ziele. Es soll daneben die Möglichkeit bekommen, ganz in die Geschichte einzutauchen und sich mitreißen zu lassen von den Figuren und ihrer Geschichte.

Beides zu schaffen, also dem Publikum die Möglichkeit zu geben, sich in der Geschichte zu verlieren und sie trotzdem am Ende mit einer Botschaft und dem Anstoß zur Reflexion über das eigene Leben zu entlassen, ist schwer. Aber ich bin mir sicher, dass wir das jeden Abend schaffen.

Interview: Michael Arlt

Tipp des Tages

Foto: Janine
Guldener
Andreas Rebers

Onkel Andi kommt, um mit dem Publikum Weihnachten zu feiern. Und er kommt nicht allein. Und Andreas Rebers bringt viele Freunde mit: den niedersächsischen Fliesenleger, Frau Flüchtling aus Syrien, Paddy O'Shonassey aus Irland und jede Menge Clowns, die uns das Leben schwer machen wollen. Aber es sollen auch selbst geschriebene Weihnachtslieder ge­schmet­tert werden, an die Kunst der Fuge von J.S. Bach er­in­nert und gute Fragen gestellt: Warum gibt es im Christentum nur Be­sche­rung und keine Beschneidung? Stimmt es, dass Salafisten in Deutschland Weih­nachts­geld bekommen und es sogar annehmen, ohne, dass sie sich in ihren religiösen Gefühlen verletzt fühlen? Was wollen die Deutschen an den Feier­tagen wirklich? Weihnachten, das ist das Fest der Liebe, aber es wird eben auch zum Showdown für Junggesellen und Kleinfamilien, die sich in der Welt des Konsums nicht mehr zurechtfinden. Hier hilft oft nur ein gut gemachter Exor­zis­mus, und genau der wird an diesem Abend stattfinden. "Weihnachten mit Onkel Andi", eine kabarettistische Betrachtung des Weihnachtsfestes, wird beschert
Di 11.12. | 20 Uhr | Marburg | KFZ
 
Tipp der Woche

Foto: Tim Ilskens
Jan Weiler

Inzwischen unterhält es seine Umwelt gleich in zweifacher Ausfertigung: Während Carla den Führerschein macht und mit ihrem Vater über die Preise von WG-Zimmern debattiert, hat sich Nick zum Parade-Exemplar entwickelt. Das männliche Pubertier besticht durch faszinierende Einlassungen zu den Themen Mädchen, Umwelt und Politik sowie durch seine anhaltende Be­geis­te­rungs­fähig­keit für ganz schlechtes Essen und seltsame Musik. Er wächst wie entfesselt und trägt T-Shirts und Frisuren, die uns dringend etwas sagen wollen. Natürlich spielt im dritten Teil von Jan Weilers Pubertier-Saga "Und ewig schläft das Pubertier" die Liebe eine immer größer werdende Rolle sowie Haut­un­reinheiten. Im Pubertierlabor werden über einen möglichen Zusammenhang beider Phänomene Mutmaßungen angestellt sowie über all die anderen großen und kleinen Hervorbringungen der Pubertät. Es geht zudem um Urlaub, Schule, schlechte Vorbilder und gute Einflüsse. Und um die Frage, wann diese ver­fluch­te Pubertät eigentlich aufhört ...
Mi 12.12. | 20 Uhr | Marburg | Waggonhalle
 
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