Freitag, 19. Oktober 2018
Thema der Woche | 6. September 2018

Grazile Gratwanderung

Regisseurin Jana Ibold und Musikalischer Leiter Tom Feldrappe zur Waggonhalle-Produktion "Jekyll & Hyde" – Foto: Gerd Sycha

Express: Wie kam es dazu, Dr. Henry Jekyll und Mr. Edward Hyde an die Lahn zu bringen?

Tom Feldrappe: Die Reise begann mit der Musicalproduktion "Sweeney Todd", das 2014 in der Waggonhalle auf die Bühne gebracht wurde. 2015 folgte dann "Jesus Christ Superstar". "JCS" war sehr erfolgreich und der Grundstein für die nachfolgenden Produktionen. Danach inszenierten wir "Hairspray" im Jahr 2016, bei dem von 30 Shows 21 ausverkauft waren und das insgesamt von mehr als 3.500 Zuschauern besucht wurde.

Jana Ibold: Wir haben uns letztes Jahr zusammengesetzt und aus einer Liste von über dreißig Musicals ausgewählt, welches wirals nächstes machen möchten. Es wurde über die Umsetzbarkeit in Bezug auf den Raum, die Instrumentierung und das Schauspiels mit "semi-professionellen" Darstellern und Instrumentalisten gesprochen.

Tom Feldrappe: Aus dieser Diskussion kristallisierte sich schnell "Jekyll & Hyde" als Favorit heraus.

Express: Gibt es in der Musical-Fassung des Stoffes Abweichungen zur literarischen Vorlage?

Jana Ibold: Das Musical und der Roman teilen sich ein gemeinsames Grund­setting, unterscheiden sich aber auf vielen Ebenen fundamental. Es gibt im Musical beispielsweise eine, beziehungsweise sogar zwei Liebesgeschichten, im Roman nicht. Das Musical wird, wie der Roman auch, von Utterson erzählt, allerdings auf eine ganz andere Art. Das Publikum im Musical erfährt viel früher, was Dr. Jekyll in seinem Labor treibt und warum.

Tom Feldrappe: Generell gibt es ein paar kleinere Schnittstellen, aber be­son­ders viel haben Roman und Musical nicht gemeinsam. Die Grundhandlung aber bleibt: Dr. Jekyll versucht, das Böse und das Gute im Menschen voneinander zu trennen und experimentiert an sich selbst. Zunächst mit Erfolg, aber die Experi­mente laufen aus dem Ruder ...

Leid und Liebe, Tod und Moral ... Bühnen-Eindrücke von "Jekyll & Hyde" – Foto: Gerd Sycha

Express: Wie setzt sich das Ensemble zusammen?

Tom Feldrappe: Es gab eine öffentliche Castingausschreibung. Wir haben an zwei Tagen fast 60 Bewerberinnnen und Bewerber gesehen und gehört.

Jana Ibold: Schlussendlich sind es viele Studentinnen und Studenten aus dem Raum Gießen/Marburg, Schülerinnen und Schüler, aber auch aus Berufstätige im Finanz- und Steuerwesen, Pädagogen oder professionelle Musical­dar­stel­ler­innen und -darsteller. Ein bunt gemischtes, wahnsinnig talentiertes Ensemble aus verschiedenen Altersklassen, die Musical zu ihren Leidenschaften zählen und die neben ihrem normalen Alltag mit auf der Bühne stehen.

Express: Worin lagen die besonderen Herausforderungen dieser Produktion?

Jana Ibold: Für dieses Musical braucht man sowohl ein großes Ensemble als auch ein großes Orchester. Wenn viele Menschen, nebenberuflich ein so großes Projekt stemmen wollen, ist die Organisation von Proben, Kostümen und so weiter immer eine heikle Angelegenheit. Aber auch fast 40 Beteiligte gleich­zeitig auf die Bühne der Waggonhalle zu bringen und es dann auch noch gut aussehen zu lassen, ist eine Herausforderung.

Tom Feldrappe: Zudem besteht eine weitere große Herausforderung in dem Hantieren mit einem vergleichsweise kleinen Budget. Die Darstellerinnen und Darsteller benötigen rund 80 Kostüme, die mit einem Budget abgedeckt werden müssen, das in einem staatlichen Theater für vielleicht zwei Kostüme vor­ge­sehen ist. Die beschränkten finanziellen Mittel sind auch in der technischen Ausstattung bemerkbar. Der größte Kostenfaktor, neben den Tantiemen, liegt in der Leihe und Anschaffung von technischem Equipment. Die Raumsituation der Halle und Größe der Produktion – 19 Darstellerinnen und Darsteller und ein 19-köpfiges Orchester – führen an die Grenzen der Realisierbarkeit. Alle Darstellerinnen und Darsteller bekommen ihr eigenes Mikrophon, jedes akustische Instrument wird von einem Mikrophon abgenommen, und alle Kanäle laufen mit den elektronischen Instrumenten in einem Digitalmischpult zusammen. Für die technische Umsetzung werden fast fünfstellige Beträge eingeplant, damit wir mit unseren Ressourcen ein optimales Ergebnis erzielen können.

Jana Ibold: Das Stück an sich trägt sich wahnsinnig über die Charaktere des Dr. Jekyll – beziehungsweise natürlich Mr. Hyde – , der Lucy und der Lisa. Die Herausforderung, die aber auch gleichzeitig ein enormer Quell an kreativem Potential ist, war also, die Charaktere zu verstehen und sie Wirklichkeit werden zu lassen. In Verbindung mit der ausdrucksstarken, sehr von Leitmotiven geprägten Musik, darf es für mich dabei nicht pathetisch werden. Die Grat­wanderung muss gerade in diesem Stück besonders grazil erfolgen. Das Stück ist sehr düster, die Thematik sehr ernst. Was hier erzählt wird, ist ein bisschen die Geschichte eines jeden Menschen.

Für das Publikum ist es kein Entfliehen in heile Welten, es ist eine spannende Geschichte mit Leid und Liebe, Tod und Moral. Es darf dabei aber nicht die Moralkeule geschwungen werden. Das Publikum soll über das eigene Leben reflektieren, über das eigene Verhalten, über die eigene Motivation und Ziele. Es soll daneben die Möglichkeit bekommen, ganz in die Geschichte einzutauchen und sich mitreißen zu lassen von den Figuren und ihrer Geschichte.

Beides zu schaffen, also dem Publikum die Möglichkeit zu geben, sich in der Geschichte zu verlieren und sie trotzdem am Ende mit einer Botschaft und dem Anstoß zur Reflexion über das eigene Leben zu entlassen, ist schwer. Aber ich bin mir sicher, dass wir das jeden Abend schaffen.

Interview: Michael Arlt

Tipp des Tages

Foto: Martin
Hutchinson
Martin Hutchinson

Singer/Songwriter Martin Hutchinson stammt aus einer musikalischen Familie im irischen County Kildare. Schon in jungen Jahren spielte er in der Familienband zunächst Akkordeon, dann zunehmend Gitarre. Später zog es ihn in die irische Folk- und Rockszene nach Dublin, bis er schließlich zunächst nach London aus­wan­derte. Heute lebt der Musiker in Utrecht, regelmäßig zieht es ihn aber zurück nach Irland, wo er immer wieder Inspiration für neue Songs findet. Seine Spiel auf der Stahlsaitengitarre ist geprägt durch ein klares Fingerpicking und bluesige Slides. Amerikanische Blueseinflüsse verbindet er mühelos mit irischer Folktradition. Seine warme, prägnante Stimme erlaubt Vergleiche, beispielsweise mit der Folklegende Christy Moore. Auf der Bühne gewinnt Martin Hutchinson sein Publikum schnell mit Charme und augenzwinkerndem Humor.
Fr 19.10. | 20 Uhr | Marburg | TurmCafé
 
Tipp der Woche

Foto: Nati
Seit 2010

Seit 2010 experimentiert die Schweizer Band Ghost Town mit der Transformation kommerzieller Popmusik hin zur Neu­inter­pre­tation ins Reich der freien Improvisation. Dies wird in den ersten sechs Jahren als Gitarrentrio umgesetzt und 2016 durch Joana Aderi – Gesang und experimental electronics – erweitert mit Murderballads, Seashanties, Lovesongs und Liedern aus der Zeit der großen Depression 1929. Diese und weitere Themen bilden die Basis der amerikanischen Blues- und Countrymusic der 1920er bis 1940er Jahre, und die Band zelebriert diese American Roots Music mit improvisatorischer Frische, fetten Grooves und einer ordentlichen Prise schwarzen Humors.
Di 23.10. | 20.30 Uhr | Marburg | Cavete
 
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