Samstag, 21. Juli 2018
Thema der Woche | 28. Juni 2018

Hoch auf den Lahnbergen

Das TurmCafé von MObiLO e.V. im Kaiser-Wilhelm-Turm
Foto: Georg Kronenberg

Der Kaiser-Wilhelm-Turm thront als markanter Landschaftpunkt auf den Lahnbergen, hoch über der Stadt Marburg. In seinen unteren Räumlichkeiten beherbergt das von 1887 bis 1890 errichtete und vom Volksmund Spiegels­lust­turm genannte Bauwerk ein außergewöhnliche Projekt. Am 19. März 2005 öffnete mit dem"TurmCafé im Kaiser-Wilhelm-Turm" alles andere als ein gewöhnliches Ausflugslokal seine Pforten. Denn hier bedienen Menschen mit psychischer Behinderung.

Betrieben wird das TurmCafé von MObiLO e.V. Der gemeinnützige Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, Arbeitsplätze für Menschen mit psychischer Behinderung zu schaffen, die auf dem ersten Arbeitsmarkt wenig Chancen haben. "MObiLO war urspünglich eine Initiative in der BI Sozialpsychiatrie im Übergangswohnheim Sauersgässchen", erinnert sich Lutz Götzfried an die Anfänge der 1997 gegründeten Selbsthilfegruppe. "Ich habe dort damals als Sozialarbeiter gearbeitet und mit den Bewohnern des Hauses eine Firma gegründet." Denn es war schwierig, an Arbeit zu gelangen. "Meine Idee war, dass wir uns von dem großen Kuchen selbst ein Stück abschneiden sollten." Zunächst firmiert die "Agentur für mobile Dienstleistungen" als GbR. Als klar wurde, dass es ohne Zuschüsse und Spenden nicht geht, wurde umgewidmet und zu Beginn des Jahres 2003 der gemeinnützigen Verein MObiLO e.V. aus der Taufe gehoben- weiterhin verpflichtet dem Prinzip der Selbsthilfe gegen Arbeitslosigkeit und soziale Isolation.

Die nächste Etappe kam mit der Ausschreibung des historischen Kaiser-Wilhelm-Turmes durch die Stadt Marburg. Die in die Jahre gekommene Ausflugslokalität war damals zwar in Betrieb, hatte aber wenig regelmäßige Öffnungszeiten. Es kam zu Nachfragen und Beschwerden bei der Stadt. MObiLO bewarb sich, fand im damaligen Bürgermeister Egon Vaupel einen engagierten Fürsprecher und bekam 2005 den Zuschlag. "Wir haben alles andere wie Renovierungen, Gartenarbeiten usw. fallengelassen und uns ganz auf das Café konzentriert." Der Pachtvertrag, zunächst über zehn Jahre abgeschlossen, wurde 2015 um fünf weitere Jahre verlängert.

"Ein Café bot sich an. Die Bedienung ist relativ einfach zu erlernen", erläutert Geographin Pia Gattinger, die ehrenamtlich im Vorstand der 70 Vereins­mit­glieder arbeitet. "Uns war vor allem wichtig, dass die Mitarbeiter nicht, wie z.B. in einer Reha-Werkstatt, dasitzen und etwas herstellen, sondern den Kontakt nach außen bekommen", ergänzt Vorstandsvorsitzende Carin Götzfried. "Im Umgang mit den Gästen können sie Selbstbewusstsein und Kompetenzen entwickeln und so ihre Isolation verlassen", sagt die Sozial­arbeiterin.

MObiLO-Macher Michael Andratschke, Pia Gattinger, Carin Götzfried und Lutz Götzfried (v.l.) – Foto: Michael Arlt

Beabsichtigt war, eine verantwortungsvolle und qualifizierte Be­schäf­ti­gungs­mög­lich­keit unter Berücksichtigung der individuellen Leistungsfähigkeit für diese Zielgruppe zu schaffen. Daher wird zum Beispiel auch heute noch der Dienstplan für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter jede Woche aktualisiert – je nach psychischer Befindlichkeit der Einzelnen.

Carin Götzfried erklärt: "Im Moment haben wir 16 Mitarbeiter, 12 davon kommen aus dem Bereich der Betroffenen. Sieben sind mittlerweile Fest­an­ge­stellte, alle anderen als gerinfügig Beschäftigte angestellt." Ein Teil wird durchs Kreisjobcenter oder die Agentur für Arbeit teilfinanziert. "Was heißt, wenn die Finanzierung rum ist, müssen wir vollfinanzieren."

Und zwar hauptsächlich durch Umsatz. Von der Stadt bekam der Verein ursprünglich 15.000 Euro, im Zuge der Kürzungen vor zwei Jahren aktuell noch 7500 Euro an jährlicher Unterstützung. Man ist angewiesen auf Spenden und Sponsoren. "Wir sind mit dem Umsatz sehr vom Wetter abhängig. In den Wintermonaten oder bei schlechtem Wetter ist manchmal gar kein Umsatz", sagt Carin Götzfried. Zwei Personen sind immer beschäftigt, die Personalkosten im Vergleich zu anderen gastronomischen Betrieben sind sehr hoch. "Etwa 60 Prozent des Umsatzes gehen für Personal drauf. Üblich sind 30 Prozent."

Im vergangenen Jahr war das Wetter so schlecht, dass man zum ersten Mal ein Minus verbuchen musste. Die Stadt ist zu Hilfe gesprungen. Selbstfinanzierung bleibt dennoch das Konzept. "Wir haben gesagt: Wenn wir Realismus in unser Projekt bekommen wollen, müssen alle daran beteiligt sein, indem Umsatz gemacht wird", bemerkt Lutz Götzfried. "Das ist einerseits ein Kreuz und macht viele Probleme. Aber das war ja der Punkt, den wir anders machen wollten als traditionelle Einrichtungen."

Lutz Götzfried vor dem neuen Turm-Pavillon– Foto: Michael Arlt

Das TurmCafé hat jeden Tag in der Woche ab 13.00 geöffnet, außer an Heiligabend und Silvester. Die Arbeit fängt um 12.00 an, diejenigen, die im Service sind, kümmern sich auch um die Reinigung der Räume und Vor­be­reitung. Der Café-Betrieb findet im Sommer bis um 19.00 statt, winters bis 18.00. Samstags ist bereits ab 12.00 geöffnet und an Sonn- und Feiertagen um 11.00. Ein Team kümmert sich um die Geländepflege, ums Aufbauen und Aufräumen bei Veranstaltungen sowie Instandhalten der Gerätschaften und arbeitet von 8.30 an bis mittags. Arbeit gibt es genug. "Wir suchen Leute. Ein Grundproblem zwischen den Einrichtungen und uns sehe ich darin, dass die Einrichtungen, die 'Pflegeleichten', die relativ stabil sind und nicht soviel Betreuungsaufwand brauchen, gerne behalten", führt Lutz Götzfried aus. "Die kämen für uns in Frage, aber die gibt man nicht gerne weg".

Eine Serviceleiterin kümmert sich um den Großeinkauf, aber das Tagesgeschäft und die Organisation, die Zubereitung kleiner Speisen geschieht in Eigen­ver­ant­wortung. Carin Götzfried vom momentan siebenköpfigen Vorstand: "Wir haben eine Angestellte mit 20 Stunden für die Küche, die fürs Tagesgeschäft backt und kocht. Wir bieten meistens zwei verschiedene Gerichte an, vegetarisch und nichtvegetarisch." Und dann sind da noch 15 Ehrenamtliche, die bei Groß­ver­an­staltungen helfen: Aufbauen, Grillen, Bierzapfen ...

Allein 8000 Besucher erklommen im vergangenen Jahr die 167 Stufen hinauf zur Aussichtsplattfornm des 36 m hohen Turmes, 56 Privatfeiern mit im Schnitt 80 Leuten pro Veranstltung konnte man verbuchen. Es gab Heiratsanträge, Hochzeiten und Verlobungen. 60 Kulturveranstaltungen im Jahr finden im TurmCafé und dem Außenbereich statt, regelmäßige Ausstellungen von Bildern, Fotografien und Objekten, die alle ein bis zwei Monate wechseln. Brunches, Geburtstage, Jubiläen, Sommerfeste und Weihnachtsfeiern. Und die Café­besucher lassen sich gar nicht zählen: "Sowie schönes Wetter ist, ist es drinnen und draußen rappelvoll", sagt Lutz Götzfried, zuständig für den Kulturbereich. Kein Zweifel, das Projekt MObiLO e.V. hat aus dem einst verwaisten Kaiser-Wilhelm-Turm wieder ein attraktives Ausflugsziel gemacht und einen festen Bestandteil der Marburger Kulturszene.

Mit wachsender Beliebtheit machen sich aber auch Beschränkungen der historischen Bausubstanz bemerkbar. Die räumlich extrem beengte Situation bereitet große Probleme. So gibt es keinen Raum, in den sich die Mitarbeiter z.B. während einer Pause zurückziehen können. Carin Götzfried: "Gerade für Menschen mit geringer psychischer Belastbarkeit ist das Fehlen eines Rück­zugsraumes noch einmal ein Stressfaktor mehr." Es gibt keinen Platz für Kleidungsspinde, ungestörte Besprechungen können ebensowenig stattfinden wie ungestörte Büroarbeit. Des weiteren benötigt man einen Lagerraum für zwei zentrale Kühlzellen. "Wir haben zur Zeit überall Kühlschränke und räumen hin und her. Wenn große Feiern sind, ist das noch einmal zusätzliche Belastung." Und nicht zuletzt benötigt man Stauraum für die 2018 in Eigenleistung von 30.000 Euro erstellte und für die weitere Arbeit des Vereins wichtige Zelt­über­dachung des regensicheren Turm-Pavillons vor dem Café.

Zwar hat die Stadt die Notwenigkeit von Personal- und Lagerräumen erkannt und bereits im November 2015 einen Planungsauftrag erteilt sowie im Haushalt die erforderlichen Finanzen zur Verfügung gestellt. Am Kaiser-Wilhelm-Turm wartet man auf den Baubeginn. Und muss sich wohl noch bis 2019 gedulden.

Dennoch: "Es hat sich auf jeden Fall gelohnt", bilanziert Carin Götzfried mehr als zwei Jahrzehnte Vereinsarbeit. "Am Anfang haben viele gesagt, das könnt ihr vergessen, mit solchen Mitarbeitern geht das vielleicht ein, zwei Jahre gut. Aber es hat stetig zugenommen, der Umsatz hat sich vervierfacht. Es ist viel Stress, aber es lohnt sich." "Die Mitarbeiter wachsen unwahrscheinlich an dem Konzept. Es ist geradezu dramatisch, wie sie selbstständiger werden", pflichtet Vor­stands­mitglied Michael Andratschke, pensionierter Techniker an der Philipps-Universität, bei. "Aber die Altersfrage ist schon etwas, was uns umtreibt. Wir brauchen dringend Nachwuchs in jeder Beziehung. Sowohl als Vorstand und Leitung als auch generell." Pia Gattinger spitzt zu: "Unser Nachwuchs sind Leute, die in Rente gehen."

Michael Arlt

Tipp des Tages

Foto: Hasret
Sahin
Kontrabass

Er ist Musiker im Staatsorchester und spielt das unhandlichste Instrument, das man sich vorstellen kann: den Kontrabass. Das scheußlichste und plumpeste Instrument, das je erfunden wurde. Dass er ihn liebt, kann man nicht behaupten. Er übt auch nicht, bei acht Kontrabässen ist es eh wurscht, was der einzelne spielt. Und als "Tutti-Schwein" am dritten Pult steht er ohnehin ganz hinten in der Orchester-Hackordnung. Wagner steht er skeptisch gegenüber, und Jazz lehnt er sowieso ab. Außerdem hat er seit zwei Jahren keine Frau mehr gehabt, und schuld ist der Kontrabass. Und so sitzt er allein in seinem schallisolierten Akustikzimmer, trinkt ein paar Bier gegen den Feuchtigkeitsverlust und hadert mit sich, dem Orchester, der Welt und diesem Monstrum von Instrument. Aber da ist noch Sarah, die junge, neue Mezzosopranistin, in die er sich unsterblich verliebt hat ...
Sa 21.7. | 20 Uhr | Marburg | Waggonhalle
 
Tipp der Woche

Foto: Sven
Gebert
Dirk Schäfer

Bereits über ein­hun­dert­mal war Dirk Schäfers Jacques-Brel-Abend "Doch davon nicht genug" bundes­weit zu sehen. Die Presse feierte das Programm als Gesamt­kunst­werk und als kultu­relles Gross­er­eig­nis. Die Zusammen­arbeit mit seinen Musikern Karsten Schnack (Akkordeon), Wolfram Nerlich (Kontra­bass) und Ferdi­nand von See­bach (Piano) wurde oft als kon­genial beschrieben. Große Auf­merk­sam­keit erregen auch immer wieder Dirk Schäfers neue Brel-Über­setzungen. Die Hälfte der Chansons singt er an diesem Abend in Deutsch und die andere Hälfte in Original­sprache, wobei der Schau­spieler und Sänger die fran­zö­sischen Stücke szenisch mit deutschen Über­leitungen vorbereitet.
Do 26.7. | 20.30 Uhr | Wetzlar | Rosengärtchen
 
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