Dienstag, 23. Oktober 2018
Thema der Woche | 22. März 2018

Strampeln oder stehen?

Wie Ulrich Schu seit 2016 für einen fahrradfreundlichen Weg zu den Lahnbergen kämpft, um nicht mit dem Auto quer durch ein Waldgebiet fahren zu müssen – Foto: Noran Omran

Wer die Umwelt schonen und sich fit halten möchte, greift auf den alt­be­kann­ten Draht­esel zurück. Doch nicht immer sind alle Ziele fahrradfreundlich zu er­reichen. Die Lahnberge sind die Hauptanlaufstelle für viele Studenten, Patienten und Mitarbeiter des Uniklinikums. Trotz des regen Verkehrs scheint es müh­samer zu sein als gedacht, auf dem Fahrrad nach oben zu kommen. Seit dem Winter 2016 möchte Ulrich Schu das ändern. Als Arzt am Uniklinikum, der der Umwelt etwas Gutes tun möchte, hat er schon einiges auf seinem Arbeitsweg erlebt. Seit 2017 steht der ambitionierte Fahrradfahrer mit Politikern und Hessen­Forst in Kontakt, um seinen Wunsch von einem barrierefreien Arbeitsweg durchzusetzen. Trotz Zuspruch von Kollegen und Politikern ist die Strecke immer noch schwer befahrbar. Doch so leicht lässt sich Ulrich Schu nicht von seinem Weg abbringen.

Express: Worum handelt es sich bei Ihrem Bemühen?

Ulrich Schu: Es geht um den nicht vorhanden Fahrradweg zu den Lahnbergen, der durch den Wald führt. Die Strecke ist weder beleuchtet, noch ist sie aus­ge­schil­dert. Das kann man keinen Radweg nennen, denn die Bedingungen für eine fahrradfreundliche Strecke sind nicht gegeben. Es gibt einige Wege, die zu den Lahnbergen führen, aber der kürzeste, und gleichzeitig gefährlichste führt durch das Waldgebiet und ist ein Privatweg, der Hessen­Forst gehört. Aber auch die anderen Wege sind nicht ungefährlich, denn an manchen Stellen muss man dicht am Autoverkehr fahren.

Express: Mit welchen Problemen haben Sie zu kämpfen, wenn Sie zur Arbeit kommen möchten?

Ulrich Schu: Dadurch, dass keine Beleuchtung angebracht ist, musste ich oft im Dunkeln fahren. Ich hatte auch schon einen romantischen Weg abwärts im Mond­schein. Dazu kommt, dass die letzten 300 Meter aufwärts zu den Lahn­bergen aus Schlamm und Steinen bestehen. Die Fahrräder sind nach dieser Strecke dreckbeschmiert. Falls man überhaupt runter kommt. Denn im Winter wird dort kein Schnee geräumt, oder man hat mit einem vereisten Weg zu kämpfen.

Express: An wen haben Sie sich gewendet, um den Ausbau eines Fahrrad­wegs zu erreichen?

Ulrich Schu: Ich habe mich an Hessen­Forst, die Stadt Marburg, die SPD-Abgeordnete Handan Özgüven und den Hessischen Minister für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Landesentwicklung Tarek Al-Wazir gewendet.

Express: Welche Lösungsvorschläge wurden Ihnen angeboten?

Ulrich Schu: Hessen­Forst fordert, dass die Kommune die letzten 300 Meter auf eigene Kosten in Ordnung bringt. Erlaubt ist aber lediglich eine Wasserdecke, also ein Splitweg. Die Stadt Marburg möchte aber einen asphaltierten Weg mit Beleuchtung. Der Oberbürgermeister hat als Alternative noch eine weitere Vision mit eingebracht. Er möchte Fahrspuren für den Autoverkehr auf der Großseelheimer Straße sowie an der Panoramastraße sperren lassen und voll­ständig für den Radverkehr zugänglich machen. Seit Herbst 2017 ist ein Gut­achten in Gang, das prüft, ob das möglich ist.

Express: Was spricht gegen den Alternativvorschlag vom OB?

Ulrich Schu: Ich habe erfahren, dass die Probleme größer sind als gedacht. Bei der Großseelheimer Straße und der Panoramastraße handelt es sich um Landes­straßen. Damit kommt neben der Stadt Marburg und Hessen­Forst eine dritter Partei ins Boot: Hessen mobil. Da es sich um Landesstraßen handelt, gelten die Richtlinien für Anlage von Landstraßen, die RAL. Die Richtlinien für Anlage von Stadtstraßen, die RAST, werden damit außer Kraft gesetzt, sagt Hessen mobil. Dies ist insofern problematisch, als dass der Oberbürgermeister gegen die RAL nichts zu sagen hat. Landesstraßen gehören dem Land Hessen. Das ist eine Instanz höher.

Express: Warum sperrt sich Hessen­Forst gegen eine asphaltierte Strecke mit Beleuchtung?

Ulrich Schu: HessenForst sagt, dass es ein Waldwegenetz unterhält, das vor allem LKW dienen soll. Ein Asphaltweg würde von LKW beschädigt werden. Dazu kommt, dass sie das Klinikum als Ziel nicht interessiert. Das gehört nicht zu ihrer Route. Es geht HessenForst um den eigenen Nutzen. Die Strecken inner­halb des Waldes, die von LKW befahren werden müssen, sind ordnungsgemäß ausgebaut. Die letzten 300 Meter, die wirklich schrecklich sind, braucht Hessen­Forst nicht. Deshalb übergibt HessenForst der Kommune die Ver­ant­wor­tung für diese Strecke, um dafür nicht finanziell aufkommen zu müssen. Auch die Beleuchtung ist unerwünscht, aufgrund der Lichtverschmutzung. Es handelt sich dabei um unnützes Licht allerorts. Tiere sind aufgrund von künstlichem Licht irritiert.

HessenForst weigert sich aber auch gegen weitergehende Verbesserungen, weil dann die Verkehrssicherungspflicht gelten würde. Die juristischen Richtlinien stellen sicher, dass Verkehrswege befahrbar sind. Das würde weitere Pflichten für HessenForst mit sich bringen. Das muss man sich erstmal ver­gege­nwär­ti­gen: für den umwelt­freundlichsten Verkehr soll keine Ver­kehrs­sicherungs­pflicht geltend gemacht werden.

Express: Was ist ausschlaggebender: Licht- oder Umweltverschmutzung?

Ulrich Schu: Wenn ich mit dem Auto fahre, erzeuge ich Lärm, hohen CO2-Aus­stoß und habe einen massiven Energieverbrauch. Das ist für den Wald nicht un­schäd­lich. Nutze ich das Fahrrad, bleibt all das aus, aber ich erzeuge, mit einer guten Beleuchtung, Lichtverschmutzung. Da muss man gemeinsam abwägen, was hier schwerwiegender ist. Man darf dabei nicht vergessen, dass die Luft­ver­schmutzung für den Klimawandel verantwortlich ist ...

Express: Warum ist die Kommune bislang Ihren Forderungen nicht nach­gekommen?

Ulrich Schu: Meine Vermutung ist, dass der Stadt der Vorschlag von Hessen­Forst nicht ausreicht. OB Spies vertritt offensichtlich aber meine Ansichten. Er erklärt in einem Beitrag, dass er sich für einen asphaltierten Weg mit Be­leuch­tung einsetzt. Der Oberbürgermeister sagt auch, dass er wenig Verständnis für die Forderungen von HessenForst hat. Umso unklarer ist es mir, warum noch nichts geschehen ist.

Express: Welcher Lösungsansatz ist für Sie am attraktivsten?

Ulrich Schu: Ich wünsche mir einen Asphaltweg mit Beleuchtung und Be­schil­derung.

Es kommt oft vor, dass ich im Mondschein hoch oder runter muss, da ich Bereitschaftsdienst am Uniklinikum habe. Zusätzlich werden die Wege im Winter nicht geräumt. Das bedeutet für mich, dass ich mein Fahrrad schieben muss. Die Strecke ist teilweise so stark vereist, dass man zu Fuß auch Schwierigkeiten hat. Bei fast 50 Terminen im Jahr, die ich an den Lahnbergen wahrnehmen muss, habe ich öfters damit zu kämpfen. Es muss mindestens einen Weg geben, der zu jeder Jahres- und Uhrzeit befahrbar ist.

Express: Wer ist der Hauptverantwortliche dafür, dass der Ausbau nicht stattfindet?

Ulrich Schu: Das ist schwer zu sagen. Jeder zeigt mit dem Finger auf den anderen. Das Hauptproblem ist, dass es zwei Lösungsvorschläge gibt, aber sich HessenForst und die Stadt Marburg nicht auf einen einigen können.

Express: Was erhoffen Sie sich, nach allem was Sie erfahren haben?

Ulrich Schu: Ich wünsche mir, dass man dieses Waldgebiet umwidmet. Das Waldgebiet, das unglücklicherweise zwischen der Stadt und dem Uniklinikum liegt, soll von einem Verkehrsnetz durchzogen werde, so dass auch der nicht motorisierte Individualverkehr dieses problematische Stück überwinden kann. Das sollte bei Wind und Wetter – und ohne Gefahr – möglich sein.

Infos
Die SPD-Abgeordnete Handan Özgüven begrüßt Schus Anforderungen, denn auch sie lehnt das Angebot von HessenForst ab: "Der Vorschlag von HessenForst ist unzureichend. Weder der Sicherheitsaspekt noch die Barrierefreiheit wäre mit diesem Vorschlag erfüllt."
Diogo Henriques Soares, Radverkehrsbeauftragter der Stadt Marburg, erklärt im Gespräch, dass es nicht an der Kommune liegt. Da das Waldgebiet das Eigentum von HessenForst ist, können keine Arbeiten ohne deren Zustimmung stattfinden. Derzeit ist die Firma Ohlsen dabei, die Alternative über die Großseelheimer Straße zu prüfen. "Bis Ende April sollten wir zu einem Ergebnis kommen", versichert Soares. Er betont aber auch, dass es sich hier um ein großes politisches Projekt handele, das hohe Kosten mit sich brächte, die gerade nicht zu stemmen wären.
Bernd Wegner, kommissarischer Forstamtsleiter von HessenForst Kirchhain, bietet wassergebundene Wege an, die pro Laufmeter vier bis zehn Euro kosten würden: "Das ist bestimmt wesentlich günstiger als ein Asphaltweg. Zudem haben Teer und die gewünschte Beleuchtung ökologische Auswirkungen."
Wer den Höhenunterschied von 170 bis 180 Metern mit seinem Fahrrad umgehen möchte, kann das Angebot der Stadtwerke Marburg in Anspruch nehmen. Der Fahrradbus fährt zwischen Mai und Oktober zwischen sieben und 11 Uhr hoch auf die Lahnberge. Informationen zum diesjährigen Fahrplan sind auf der Homepage zu finden: www.stadtwerke-marburg.de/fahrrad-mitnahme
Alle Dokumente und Konversationen zwischen Ulrich Schu, Politikern und HessenForst, sowie Bilddokumentationen finden sich auf seiner Homepage www.fahrradinitiative-lahnberge.de.
Noran Omran

Interview: Noran Omran

Tipp des Tages

Foto: Nati
Seit 2010

Seit 2010 experimentiert die Schweizer Band Ghost Town mit der Transformation kommerzieller Popmusik hin zur Neu­inter­pre­tation ins Reich der freien Improvisation. Dies wird in den ersten sechs Jahren als Gitarrentrio umgesetzt und 2016 durch Joana Aderi – Gesang und experimental electronics – erweitert mit Murderballads, Seashanties, Lovesongs und Liedern aus der Zeit der großen Depression 1929. Diese und weitere Themen bilden die Basis der amerikanischen Blues- und Countrymusic der 1920er bis 1940er Jahre, und die Band zelebriert diese American Roots Music mit improvisatorischer Frische, fetten Grooves und einer ordentlichen Prise schwarzen Humors.
Di 23.10. | 20.30 Uhr | Marburg | Cavete
 
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