Mittwoch, 18. Oktober 2017
Thema der Woche | 2. März 2017

Meister der kollektiven Vision

Marburger Kamerapreis 2017 an Luca Bigazzi – Foto: Privatarchiv Bigazzi

Der 1958 in Mailand geborene Luca Bigazzi erhält den mit 5.000 Euro do­tier­ten Marburger Kamerapreis 2017. Bigazzi gilt als einer der renommiertesten Kameramänner des italienischen Kinos, der erheblich zu dessen internationaler Renaissance beigetragen hat. Ursprünglich aus der Werbebranche stammend, wo er 1977 als Regieassistent für Fernsehspots begann, feierte Luca Bigazzi 1983 seinen Einstieg als Kameramann. Mit Filmemacher Paolo Sorrentino besteht seit 2003 eine langjährige Zusammenarbeit, deren jüngstes Kinoprojekt die Tragikomödie "Youth" ("Ewige Jugend") von 2015 ist. Die Preisverleihung wird im Rahmen der Bild-Kunst-Kameragespräche am Samstag, dem 4. März um 20.00 Uhr in der Alten Aula stattfinden.

Express: Signor Bigazzi, Ihr Werk wurde vielfach ausgezeichnet. Was ist das Geheimnis guter Kameraarbeit?

Luca Bigazzi: Ich glaube, Schnelligkeit ist die Haupteigenschaft eines guten Kammeramanns. Jede Minute die ich brauche um das perfekte Bild zu machen, ist die Minute die ich den Schauspielern nehme um besser zu spielen und dem Regisseur, um neue und unvoreingenommene Einstellungen zu machen.

Meine Arbeit erlaubt keine egoistische, persönliche Eingriffe. Außerdem halte ich es für nötig, dass wir jeden Aspekt der Gesellschaft in der wir leben kennen. Es geht nicht nur um Kino, sondern auch um Kunst, Musik, Literatur und Politik. Was entscheidend ist, ist neugierig zu bleiben, die Technik alleine ist absolut unwichtig.

Express: Sie gelten als Fan der elektronischen Kamera ...

Luca Bigazzi: Der Film war eine wunderbare Erfindung. Aber es wurde Zeit ihn weiterzuentwickeln. Er war zu teuer, wenig vielseitig und nicht ökologisch. Das digitale ist breiter einsetzbar weil es günstiger und vielseitiger ist, es erlaubt mir mehr zu wagen, weil es auch schwache Lichter aufnehmen kann. Ich glaube, dass eine romantische Haltung der Vergangenheit gegenüber eine elitäre und konservative Nostalgie versteckt, es verhindert die Weiterentwicklung des Bildausdrucks und den Zugang der neuen Generation zu unserer wunder­schönen Arbeit.

Express: Wie wird sich Ihrer Meinung nach die digitale Bildsprache zukünftig entwickeln?

Luca Bigazzi: Besonders in den letzten fünf Jahren sehen wir eine kon­ti­nu­ier­liche und interessante Entwicklung bei der Qualität der digitalen Kamera. Ich glaube, dass die Zukunft Überraschungen bereithält, die heute noch un­vor­stell­bar sind. Das wichtigste ist aber, dass man das Wesentliche des Kinos nicht außer acht lässt. Das ist die kollektive Vision im Kinosaal. Der Kinosaal ist der einzige Ort, wo man unsere Arbeit richtig schätzen kann. Lediglich eine non-verbale Vermittlung der Gefühle – die sich nur im Kinosaal magisch verwirk­lichen lassen kann – erlaubt das Verstehen des Films. Das alleinige Schauen z.B. im Fernsehen macht jeden Film, auch den aufregendsten, steril und un­brauch­bar.

Express: Welche Konsequenzen hat diese Entwicklung für den Beruf des Kameramannes?

Luca Bigazzi: Der Kameramann muss den Übergang zum digitalen mit Neugier und Interesse begegnen. Wenn er sich dieser Innovation verschließt, riskiert er, dass er nicht verstehen wird, dass z.B. das Licht auch anders sein muss in Vergleich zur Vergangenheit. Heute kann auch eine einfache Glühbirne aus­reichen um ein Set zu beleuchten. Das neue LED-Licht eröffnet unglaubliche Möglichkeiten für die Kinofilm-Beleuchtung. Man kann und muss nicht mehr die enorme Menge an Licht aufwenden, die früher nötig war um die alten Filme zu belichten. Man muss für das Neue offen bleiben. Eine Haltung, die die traditonellen Kinoschulen oft noch nicht adäquat umsetzten.

Express: Schauspieler und Regisseure können "Stars" sein. Warum gilt das nicht gleichermaßen für Kameramänner?

Luca Bigazzi: Ich glaube man sollte die Kameraleute nicht überschätzen. Die Filme gehören den Regisseuren, und die Schauspieler sind diejenigen, die das Publikum auf der Leinwand sieht. Das reicht. Wir sind nur Verbündete des Regisseurs und die Verbindung zwischen Regisseure und Filmcrew. Aber unsere Rolle ist nicht wichtiger als die des Produktionsdesigners, des Kostümbildners oder des Tonmanns. Es bringt mich in Verlegenheit, wenn man mir Verdienste zuschreibt, die dem Regisseur zuzuschreiben sind. Nur in der Zusammenarbeit mit einem guten Regisseur kann ich eine gute Kameraarbeit leisten. Das ist eine unvermeidliche Voraussetzung. Mein einziger Verdienst kann nur der sein, dass ich mich nicht wiederhole indem ich immer ein anderes Licht, den Drehbuchanforderungen entsprechend, einsetze.

Express: Haben Sie einen Lieblingsregisseur? Mit wem würden Sie gerne einmal zusammenarbeiten?

Luca Bigazzi: Ich habe hunderte von Lieblings-Regisseuren. Ich liebe das Kino, ich gehe regelmäßig ins Kino. Ich denke, dass das Kino eine der wunder­schönsten von den Menschen erfundenen Ausdrucksformen ist. Wenn man richtig darüber nachdenkt, ist es eine von den wenigen Kunstformen, die gemeinsam auf einem Set entsteht und gemeinsam in einem Kinosaal um­ge­setzt wird. Es ist die Verneinung des Individualismus und die Bestätigung, dass die Menschen soziale Wesen sind. Zu oft neigen wir dazu, dies zu vergessen. Die Schäden, die von der falschen Sozialisierungen des sozialen Netzwerkes verursacht sind, werden jetzt sichtbar.

Express: Wenn Sie einen Film in Marburg drehen könnten – wie würden Sie die Stadt in Szene setzen?

Luca Bigazzi: Ich werde diese Fragen erst nach der wunderbaren Erfahrung des Marburger Kamerapreises beantworten können. Ich kann nur sagen, dass es für mich eine Ehre ist, hier in Deutschland einen Preis zu bekommen. Als ich in den 80er Jahren diese Arbeit angefangen habe, habe ich besonders den deutschen Film geliebt. Die Filme von Fassbinder, Herzog, Wenders und vielen anderen Regisseuren des neuen deutschen Kinos haben meine Generation beeinflusst und haben in mir den Willen geweckt, Kino zu machen.

Übersetzung: Monica Zama, Silvia Vignoli, Mariella Terzo

Interview: Michael Arlt

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