Mittwoch, 28. Juni 2017
Thema der Woche | 2. Februar 2017

Halbzeitbilanz

Interview mit Landrätin Kirsten Fründt – Foto: Pressestelle HMdF

Seit Februar 2014 ist Kirsten Fründt direkt gewählte Landrätin des Landkreises Marburg-Biedenkopf. Im Interview zieht die Sozialdemokratin eine Halbzeit­bilanz.

Express: Am Montag waren Sie beim Finanzminister in Wiesbaden und hatten Grund zum Feiern ...

Kirsten Fründt: Solide Finanzen waren mir immer wichtig. Deshalb freue ich mich sehr, dass der Landkreis Marburg-Biedenkopf am Montag – zusammen mit der Stadt Kassel – als erste von 100 Schutzschirm-Kommunen in Hessen offiziell aus dem Entschuldungsprogramm des Landes entlassen worden ist.
Wir sind 2012 unter meinem Vorgänger Robert Fischbach unter den Schutz­schirm gegangen und haben mit dem Land vereinbart, dass wir ihn wieder verlassen, wenn wir in drei aufeinander folgenden Jahre ausgeglichene Haushalte vorlegen. Das haben wir jetzt getan. Dafür hat der Landkreis Marburg-Biedenkopf eine Entschuldung von 48 Millionen Euro vom Land bekommen. Das heißt, wir können zum heutigen Zeitpunkt sagen, wenn es keine großen Überraschungen gibt, werden wir in der Zukunft auch ausgeglichene Haushalte haben. Dies gibt uns mehr Handlungsfreiheit.
Seit ich im Amt bin, konnten wir zudem die Kreisumlage senken und dadurch bei den Kommunen im Kreis für eine Entlastung sorgen.

Express: Was waren die wichtigsten Projekte neben der Entschuldung in den ersten drei Jahren?

Fründt: Da muss man zwischen den von uns angestoßenen Projekten unter­scheiden, sowie Themen die von außen kamen und die wir erfolgreich umge­setzt haben. Ich meine damit die Herausforderungen durch die Flüchtlings­krise. Das hat uns die letzten zwei Jahre stark beschäftigt. Die Einrichtung der Zelt­stadt in Stadtallendorf war für uns der größte Katastrophen­schutz­einsatz seit den 1980er Jahren. Danach war es unsere Aufgabe, dezentrale Unterbringungen für hier angekommene Flüchtlinge zu suchen. Und wir sind sehr stolz darauf, dass wir die Aufgabe in der Verwaltung und gemeinsam mit den Bürgerinnen und Bürgern gelöst haben.

Express: Das war ein Thema, das von außen kam ...

Fründt: Ich bin mit den Themen Kommunikation und Bürgerbeteiligung im Wahlkampf angetreten. Dafür haben wir sehr schnell in der Verwaltung Strukturen geschaffen. Die Möglichkeiten der Bürgerbeteiligung im Landkreis sind inzwischen ein herausragendes Beispiel. Der Landkreis nimmt eine Vorreiterrolle bei dem Thema ein und ist bundesweit ein gefragter Gesprächs­partner. Wir haben Bürgerdialoge eingerichtet, Sprechstunden mit der Land­rätin. Wir haben zum Beispiel einen sehr erfolgreichen Radverkehrsdialog organisiert und eine Biodiversitätskonferenz mit rund 200 Teilnehmern. Wir haben die Beteiligungs­plattform www.mein-marburg-biedenkopf.de eingerichtet. Unsere Auszubildenden haben außerdem gerade neue, sehr spannende Konzepte erarbeitet, wie man junge Menschen am Mitgestalten im Landkreis beteiligen kann.
Ich bin auch sehr stolz darauf, dass wir die Schulsozialarbeit im Landkreis ausgebaut haben.Wir haben neue Projekte eingerichtet, die Grundschulbetreuung soweit ausgebaut, dass sie fast flächendeckend ist. Das ist für Familien sehr wichtig.

Express: Was ist in den ersten drei Jahren schlecht gelaufen?

Fründt: Es gibt Sachen, die laufen runder als andere, das ist sicher auch in jedem Unternehmen so. Aber wir haben das, was wir uns vorgenommen haben, entweder gut umgesetzt – oder es ist auf einem guten Weg.

Express: Die Japanreise der Kreisdelegation ist stark kritisiert worden. Ist diese Reise ein Fehler gewesen?

Fründt: Wir sind einer der ersten Landkreise in Deutschland, die als Masterplan-Kommune im kommunalen Klimaschutz die Treibhausgas-Emission bis 2050 um 95 Prozent senken wollen. Und wir haben ganz klar festgelegt, dass wir den internationalen Austausch zum Klimaschutz vorantreiben sollen.
Nun haben wir das Glück, dass wir seit vielen Jahren mit der japanischen Gemeinde Kuzumaki in der Präfektur Iwate enge Kontakte haben. In der im Bereich Klimaschutz bereits viel passiert. Deshalb sind wir der Einladung des Bürgermeisters von Kuzumaki gerne gefolgt und haben uns mit ihm ausgetauscht. Wir sind dann vom Bundesumweltamt als eine von drei Kommunen ausgewählt worden, um in Japan über den deutsch-japanischen Austausch beim Klimaschutz zu berichten. Das hat uns in der Entscheidung für die Japan-Reise bestätigt. Unser Mitarbeiter aus dem Fachdienst Klimaschutz war dann als Teil der Delegation der Bundesregierung wieder in Japan.

Express: Hat sie die anhaltende Kritik an der Japanreise überrascht?

Fründt: Ja, das hat mich schon überrascht. Das wurde dann noch mit anderen Themen, der Bürorenovierung, dem Drachenboot-Rennen verquickt. Die Dienstaufsichtsbeschwerden, die sich daraus ergeben haben, sind beide von der Aufsichtsbehörde abgewiesen worden. Das heißt: Die Entscheidungen, die ich getroffen habe, sind nicht beanstandet worden.

Express: Aber man kann solch eine Reise ja hinterfragen ...

Fründt: Das kann man. Aber mich hat bei der Kritik geärgert, dass es nicht um die Sache ging, sondern dass versucht wurde, zu vermitteln, der Kreis sei bei mir finanztechnisch in schlechten Händen. Was jeglichen Fakten widerspricht, weil der Landkreis Marburg-Biedenkopf immer als einer der ersten seinen Haushalt einbringt – und dann auch genehmigt bekommt. Und der Kreis, seitdem ich an dieser Position bin, immer einen ausgesprochen positiven Haushalt vorgelegt hat.
Ich bin auch schon von vielen gefragt worden, "glauben Sie denn, dass das passiert wäre, wenn Sie ein Mann wären?" Tatsächlich glaube ich nicht, dass das dann auch passiert wäre. Da hätte das Thema keine Rolle gespielt.

Express: Morgens sieht man die Landrätin immer noch auf dem Rad?

Fründt: Ja. Ich fahre immer noch mit dem Rad zur Arbeit. Auch wenn es draußen minus 10 Grad sind. Weil das für mich häufig eine der wenigen Möglichkeiten am Tag ist, mich sportlich zu bewegen. Früh aufstehen, laufen und anschließend mit dem Rad ins Büro fahren.

Interview: Georg Kronenberg

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