Donnerstag, 19. Juli 2018
Thema der Woche | 19. Oktober 2017

"Das Kapital" der Reformation

"Martin Luther & Thomas Münzer oder die Einführung der Buchhaltung" in der Waggonhalle – Foto: Waggonhalle

Es ist eine scharfe Kritik an Martin Luther, an der institutionellen Religion und am Kapitalismus: In Dieter Fortes Anfang der 1970er Jahre veröffentlichten Stück "Martin Luther & Thomas Münzer oder die Einführung der Buchhaltung" wird Luther als Spielball der Mächtigen dargestellt, an deren Spitze weder Kaiser noch Kurfürst, sondern der Großkaufmann Fugger steht. Dieser wiederum nutzt sein Kapital gegen das von Münzer geführte Volk in den Bauernaufständen.

Die Waggonhalle bringt das Stück unter der Regie von Annina Munk und Willi Schmidt in Kooperation mit dem Evangelischen Dekanat der Wetterau auf die Bühne.

"Weil das einen ganz radikal anderen Blick auf die Reformationszeit und Luther wirft", sei er auf das Stück gekommen, berichtet Willi Schmidt. Autor Forte benutze das Beispiel Reformation für eine "radikale Kapitalismuskritik, die die Zusammenhänge zwischen Wirtschaft und Politik deutlich macht".

Zu seiner Zeit war das Theaterstück von Forte ein Welterfolg, heute wird es eher selten gespielt. So seien die Arbeiten an der Bühnenfassung auch deshalb besonders aufwändig gewesen, weil in dem gut 200 Seiten langen Text von Forte über 60 verschiedene Figuren auftauchten, berichtet Schmidt. Für die Marburger Aufführung habe das Stück stark überarbeitet und die Zahl der Rollen begrenzt werden müssen.

Die Handlung: Albrecht von Brandenburg möchte Erzbischof von Mainz werden und nimmt hier für einen Kredit von den Fuggern auf, dieser soll mithilfe von Ablassreliquien und Handel getilgt werden. Er wird zum Ablass­kom­missar ernannt. Kurfürst Friedrich bekommt Wind von dieser neuen Markteröffnung und möchte diesen unterbinden, da sein eigener Markt darunter leidet – nicht aus religiöser Überzeugung, sondern weil die Finanzen leiden. Sein Berater Spalatin wird in diesem Sinne zu Luther geschickt, und dieser wird ermutigt seine 95 Thesen gegen den Ablass zu veröffentlichen.

Die Kirche fasst die Thesen ketzerisch auf, auf dem Reichstag von Augsburg soll daraufhin Friedrich Luther der Kirche ausliefern, doch dieser schützt Luther aus eigenem Interesse. Kaiser Maximilian stirbt, bevor er die Religions­an­ge­le­gen­heiten im Reich, sowie seine Nachfolge klären kann. Die Mächtigen dieser Zeit beschäftigen sich nun mit der Nachfolge, in der Fugger als Finanzier mit Bestechungsgeldern großen Einfluss ausüben und geltend machen kann und so fällt die Wahl auf Maximilians Enkel Karl.

Luthers verursachten Wirbel in der Gesellschaft soll auf dem Reichstag in Worms geklärt werden, indem er widerruft, jedoch möchte Friedrich, dass Luther standhaft bleibt. Friedrich lässt Luther entführen, um ihn zu schützen und die Kontrolle zu behalten. In der Wartburg, welche als Schutz­domizil fungiert, kann Luther die Bibel ins Deutsche übersetzen. In der Zwischenzeit machen sich Karlstadt und Münzer stark für gesellschaftliche Veränderungen.

Münzer bekommt immer mehr Einfluss und stiftet Aufstände an, jedoch siegen die Fürsten und Münzer verliert sein Leben. Am Ende des Stücks betrachtet das Unternehmen Fugger seine Bilanz und freut sich über den Gewinn und dies trotz – oder wegen – der turbulenten Zeit.

Termine
"Martin Luther & Thomas Münzer oder die Einführung der Buchhaltung" wird am Dienstag, 24.10. und Mittwoch, 25.10., in der Waggonhalle aufgeführt

kro/pe

Tipp des Tages

Foto: Lüder
Wohlenberg
Lüder Wohlenberg

"Wird schon wieder!" ist eine satirische Über­lebens­hilfe, 90 Minuten aktuelles Grund­lagen­kabarett in Sachen Opti­mismus. Es werden neue Ein­blicke er­öff­net und über­raschende Aus­wege aus jeder Lebens­lage gezeigt, präsen­tiert von einem ver­sierten Sur­vi­val-Experten: Lüder Wohlen­berg ist Arzt und Kaba­rettist. Er kennt das Gesundheits­system von beiden Seiten der Nadel und weiß, was die Medizin kann und wo sie besser das Skalpell in der Ver­packung stecken lässt. Zahl­reiche Gesund­heits­reformen, zwei Verkehrs­un­fälle und eine Schulter­eck­ge­lenks­spreng­ung haben ihn, den über 2 Meter großen Bühnen­hünen, nicht klein gekriegt. Er hat an ver­schie­denen Krisen­herden sein Süpp­chen gekocht und es immer selber aus­ge­löffelt. Als Fach­arzt für Radio­logie hat Wohlen­berg zudem den nötigen Durch­blick und als zer­ti­fi­zier­ter Not­arzt immer eine Spritze im An­schlag. In seinem neuen Kabarett­programm spricht der Arzt, spottet der Kaba­rettist, und selbst­ver­ständ­lich philosophiert auch wieder Profi­patient Rader­scheid. Wohlen­berg gibt wieder einmal alles. Und dann wird für einen Moment auch alles klar: Der Grund für die Rücken­schmerzen, für die un­er­bitt­liche Digital­anzeige der Waage und sogar für das Leben selbst ...
Do 19.7. | 20.30 Uhr | Wetzlar | Lottehof
 
Tipp der Woche

Foto: Sven
Gebert
Dirk Schäfer

Bereits über ein­hun­dert­mal war Dirk Schäfers Jacques-Brel-Abend "Doch davon nicht genug" bundes­weit zu sehen. Die Presse feierte das Programm als Gesamt­kunst­werk und als kultu­relles Gross­er­eig­nis. Die Zusammen­arbeit mit seinen Musikern Karsten Schnack (Akkordeon), Wolfram Nerlich (Kontra­bass) und Ferdi­nand von See­bach (Piano) wurde oft als kon­genial beschrieben. Große Auf­merk­sam­keit erregen auch immer wieder Dirk Schäfers neue Brel-Über­setzungen. Die Hälfte der Chansons singt er an diesem Abend in Deutsch und die andere Hälfte in Original­sprache, wobei der Schau­spieler und Sänger die fran­zö­sischen Stücke szenisch mit deutschen Über­leitungen vorbereitet.
Do 26.7. | 20.30 Uhr | Wetzlar | Rosengärtchen
 
Aktuelles Heft
Zum Anschauen und Blättern klicken Sie bitte auf den Hefttitel.
 
Kulturtipps 2018
Zum Anschauen und Blättern klicken Sie bitte auf den Hefttitel.
 
Ausgehen & Einkaufen
Zum Anschauen und Blättern klicken Sie bitte auf den Hefttitel.