Freitag, 19. Oktober 2018
Thema der Woche | 19. Oktober 2017

"Das Kapital" der Reformation

"Martin Luther & Thomas Münzer oder die Einführung der Buchhaltung" in der Waggonhalle – Foto: Waggonhalle

Es ist eine scharfe Kritik an Martin Luther, an der institutionellen Religion und am Kapitalismus: In Dieter Fortes Anfang der 1970er Jahre veröffentlichten Stück "Martin Luther & Thomas Münzer oder die Einführung der Buchhaltung" wird Luther als Spielball der Mächtigen dargestellt, an deren Spitze weder Kaiser noch Kurfürst, sondern der Großkaufmann Fugger steht. Dieser wiederum nutzt sein Kapital gegen das von Münzer geführte Volk in den Bauernaufständen.

Die Waggonhalle bringt das Stück unter der Regie von Annina Munk und Willi Schmidt in Kooperation mit dem Evangelischen Dekanat der Wetterau auf die Bühne.

"Weil das einen ganz radikal anderen Blick auf die Reformationszeit und Luther wirft", sei er auf das Stück gekommen, berichtet Willi Schmidt. Autor Forte benutze das Beispiel Reformation für eine "radikale Kapitalismuskritik, die die Zusammenhänge zwischen Wirtschaft und Politik deutlich macht".

Zu seiner Zeit war das Theaterstück von Forte ein Welterfolg, heute wird es eher selten gespielt. So seien die Arbeiten an der Bühnenfassung auch deshalb besonders aufwändig gewesen, weil in dem gut 200 Seiten langen Text von Forte über 60 verschiedene Figuren auftauchten, berichtet Schmidt. Für die Marburger Aufführung habe das Stück stark überarbeitet und die Zahl der Rollen begrenzt werden müssen.

Die Handlung: Albrecht von Brandenburg möchte Erzbischof von Mainz werden und nimmt hier für einen Kredit von den Fuggern auf, dieser soll mithilfe von Ablassreliquien und Handel getilgt werden. Er wird zum Ablass­kom­missar ernannt. Kurfürst Friedrich bekommt Wind von dieser neuen Markteröffnung und möchte diesen unterbinden, da sein eigener Markt darunter leidet – nicht aus religiöser Überzeugung, sondern weil die Finanzen leiden. Sein Berater Spalatin wird in diesem Sinne zu Luther geschickt, und dieser wird ermutigt seine 95 Thesen gegen den Ablass zu veröffentlichen.

Die Kirche fasst die Thesen ketzerisch auf, auf dem Reichstag von Augsburg soll daraufhin Friedrich Luther der Kirche ausliefern, doch dieser schützt Luther aus eigenem Interesse. Kaiser Maximilian stirbt, bevor er die Religions­an­ge­le­gen­heiten im Reich, sowie seine Nachfolge klären kann. Die Mächtigen dieser Zeit beschäftigen sich nun mit der Nachfolge, in der Fugger als Finanzier mit Bestechungsgeldern großen Einfluss ausüben und geltend machen kann und so fällt die Wahl auf Maximilians Enkel Karl.

Luthers verursachten Wirbel in der Gesellschaft soll auf dem Reichstag in Worms geklärt werden, indem er widerruft, jedoch möchte Friedrich, dass Luther standhaft bleibt. Friedrich lässt Luther entführen, um ihn zu schützen und die Kontrolle zu behalten. In der Wartburg, welche als Schutz­domizil fungiert, kann Luther die Bibel ins Deutsche übersetzen. In der Zwischenzeit machen sich Karlstadt und Münzer stark für gesellschaftliche Veränderungen.

Münzer bekommt immer mehr Einfluss und stiftet Aufstände an, jedoch siegen die Fürsten und Münzer verliert sein Leben. Am Ende des Stücks betrachtet das Unternehmen Fugger seine Bilanz und freut sich über den Gewinn und dies trotz – oder wegen – der turbulenten Zeit.

Termine
"Martin Luther & Thomas Münzer oder die Einführung der Buchhaltung" wird am Dienstag, 24.10. und Mittwoch, 25.10., in der Waggonhalle aufgeführt

kro/pe

Tipp des Tages

Foto: Martin
Hutchinson
Martin Hutchinson

Singer/Songwriter Martin Hutchinson stammt aus einer musikalischen Familie im irischen County Kildare. Schon in jungen Jahren spielte er in der Familienband zunächst Akkordeon, dann zunehmend Gitarre. Später zog es ihn in die irische Folk- und Rockszene nach Dublin, bis er schließlich zunächst nach London aus­wan­derte. Heute lebt der Musiker in Utrecht, regelmäßig zieht es ihn aber zurück nach Irland, wo er immer wieder Inspiration für neue Songs findet. Seine Spiel auf der Stahlsaitengitarre ist geprägt durch ein klares Fingerpicking und bluesige Slides. Amerikanische Blueseinflüsse verbindet er mühelos mit irischer Folktradition. Seine warme, prägnante Stimme erlaubt Vergleiche, beispielsweise mit der Folklegende Christy Moore. Auf der Bühne gewinnt Martin Hutchinson sein Publikum schnell mit Charme und augenzwinkerndem Humor.
Fr 19.10. | 20 Uhr | Marburg | TurmCafé
 
Tipp der Woche

Foto: Nati
Seit 2010

Seit 2010 experimentiert die Schweizer Band Ghost Town mit der Transformation kommerzieller Popmusik hin zur Neu­inter­pre­tation ins Reich der freien Improvisation. Dies wird in den ersten sechs Jahren als Gitarrentrio umgesetzt und 2016 durch Joana Aderi – Gesang und experimental electronics – erweitert mit Murderballads, Seashanties, Lovesongs und Liedern aus der Zeit der großen Depression 1929. Diese und weitere Themen bilden die Basis der amerikanischen Blues- und Countrymusic der 1920er bis 1940er Jahre, und die Band zelebriert diese American Roots Music mit improvisatorischer Frische, fetten Grooves und einer ordentlichen Prise schwarzen Humors.
Di 23.10. | 20.30 Uhr | Marburg | Cavete
 
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