Montag, 25. September 2017
Thema der Woche | 10. August 2017

Malerei ohne Pinsel

Christopher Lehmpfuhl "Stadt – Land – Fluss" im Kunstverein
Foto: Uwe Walter

Christopher Lehmpfuhl, "Allwettermaler" aus Berlin, ist zu Gast im Marburger Kunstverein und präsentiert eine Ausstellung mit dem Titel "Stadt – Land – Fluss". Der Künstler, 1972 in Berlin geboren, nahm schon zu Schulzeiten Malunterricht und studierte nach dem Abitur Malerei an der Hochschule der Künste in Berlin in der Klasse von Klaus Fußmann. Christopher Lehmpfuhl hat alle Kontinente bereist und in vielen Städten, in vielen Ländern, an vielen Flüssen gearbeitet: Seine Mal- und Studienreisen haben ihn nach Lappland und Südkorea, auf die Azoren, nach Indien und Kalifornien geführt. 2004 war Lehmpfuhl Finalist des Europäischen Kunstpreises der Mailänder Triennale. 2009 erhielt er zum 20-jährigen Jubiläum der deutschen Wiedervereinigung den Auftrag, alle 16 Bundesländer zu malen. Eine Serie von Zürich-Bildern erschien 2016 in einer Kunst-Edition der "Neuen Zürcher Zeitung". Lehmpfuhl ist auf der Art Basel und in der Sammlung WÜRTH vertreten.

Seine bevorzugte Technik ist der Verzicht auf Pinsel und andere "Hilfsmittel" – Lehmpfuhl trägt die Farbe mit den Fingern auf die Leinwand auf und ist damit in direktem Kontakt mit seinem Material. Und mit der Natur, den Gegeben­heiten vor ihm und um ihn herum. "Die Temperatur, die Atmosphäre und das Licht spielen in meiner Malerei eine entscheidende Rolle", erklärt er, "all diese Elemente fließen mit ein." Und das ist durchaus wörtlich zu nehmen. Die Bilder enthalten Staub, Kies oder Blätter ebenso wie Regentropfen oder Eiskristalle, die sich mit der Farbe vermischt haben. Der pastose Farbauftrag ist reliefartig, so ergeben sich mehrere Betrachtungsweisen: aus der Nähe hat man "Farbe und Malerei pur", wie Lehmpfuhl sagt, aus der Ferne konkretisiert sich das dann zum Motiv.

Ein Schwerpunkt der Marburger Ausstellung liegt auf dem Bereich der Stadt. Dabei steht Berlin im Fokus – die Stadt, in der der Künstler auch mit seiner Familie lebt. Seit fast zehn Jahren beobachtet er in der Hauptstadt beispiels­weise die städte­baulichen Veränderungen rund um das Schloss. Der gesamte Schloss-Zyklus umfasst inzwischen 110 Bilder, und für 2018/2019 ist in Berlin eine große Werkschau geplant. Ende Juni dieses Jahres war im Rahmen eines Spendentags und des "Tags der offenen Baustelle" im Humboldtforum erstmals ein Werk daraus zu sehen.

In Marburg hängen im oberen Raum des Kunstvereins drei großformatige Werke aus dem Schloss-Zyklus aus den Jahren 2015 und 2016 – 5, 12 und 15 Meter in den Ausmaßen. Zwanzig Meter Wandfläche und fünf Meter hohe Räume für eine Ausstellung zur Verfügung zu haben, sei sehr verlockend, sagt Christopher Lehmpfuhl. Die Räume des Kunstvereins lüden dazu ein, große Formate zu zeigen. "Sie haben einen musealen Charakter, eine Modernität und Präsenz, die ihresgleichen suchen," lobt der Künstler.

Auch Motive aus Marburg sind in der Ausstellung zu sehen. Sie sind im April bei einem ersten Besuch Lehmpfuhls in der Universitätsstadt entstanden und stellen den Startpunkt im unteren Foyer dar, wo der Fokus auf Landschaften liegt: großformatige Bergbilder aus Österreich, Werke aus den Dolomiten und von der Ostsee. Regenstimmungen aus Berlin und Hamburg ebenso wie vom Gardasee bilden dann das verbindende Element zwischen Stadt und Land. Mit seinem "Malen mit allen Sinnen", das Christopher Lehmpfuhl praktiziert, bietet er dem Betrachter seiner Werke einen ebenfalls außergewöhnlich sinnlichen Blick auf Stadt, Land und Fluss. Nicht umsonst ist über seine Arbeit zu lesen, sie breche sich Bahn, als sei sie selbst ein Naturereignis.

Christopher Lehmpfuhl: "Stadt – Land – Fluss"
Bis 14.9., Kunstverein, Di bis So 11 bis 17 Uhr, Mi 11 bis 20 Uhr
Im Ausstellungszeitraum gibt es jeden Samstag um 16.00 kostenlose Führungen von Lena Sophie Radtke. Auf Anfrage können in Kooperation mit der KunstWerkStatt Marburg spezielle Führungen für Kinder stattfinden.

pe/MiA

Tipp des Tages

Foto: Eke
Miedaner
Sunil Mann

Am Grab seines Vaters lernt Detektiv Vijay Kumar die seltsame Franziska Zehnder kennen. Sie ist auf der Suche nach Gaudenz Pfister, und Vijay findet heraus, dass dieser nach seiner Scheidung auf der Straße lebt – dabei hätte der Ex-Banker genug Geld für einen Neuanfang haben müssen. Dann überschlagen sich die Ereignisse ... Sunil Mann wurde als Sohn indischer Einwanderer im Berner Oberland geboren. Die Studiengänge Psychologie und Germanistik brach er erfolgreich ab. Zahlreiche seiner Kurzgeschichten wurden ausgezeichnet, und für sein Romandebüt "Fangschuss" wurde er mit dem Zürcher Krimipreis geehrt. Der Autor liest aus seinem aktuellen Roman "Gossenblues" am
Mo 25.9. | 20 Uhr | Marburg | TTZ
 
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Foto: Waggon-
halle
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Mi 27.9. | 20 Uhr | Marburg | Waggonhalle
 
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