Freitag, 19. Oktober 2018
Thema der Woche | 22. Juni 2017

Rad-Klima wird besser

Marburg jetzt im Mittelfeld – Foto: Coordes

Dass Marburg im neuen Klimatest des Deutschen Fahrrad-Clubs ADFC so deutlich besser abgeschnitten hat als in der Vergangenheit, überrascht selbst die Verwaltung: Jahrelang stand die Universitätsstadt auf einem der letzten Plätze unter den Städten ihrer Größenordnung. Seit der letzten Befragung in 2014 hat sie sich nun so weit ins Mittelfeld vorgearbeitet, dass sie sogar einen ersten Platz für "Aufholer" kassierte. "Wir freuen uns sehr über das gute Ergebnis", sagt Marburgs Radverkehrsbeauftragte Katharina Grieb: "Auch wenn es nur viele kleine Maßnahmen waren, hat sich doch etwas verändert", sagt die Expertin, die sich seit 2014 mit einer Drittel-Stelle um den Radverkehr kümmert.

"Man merkt, dass die Stadt langsam umdenkt", räumt auch Wolfgang Schuch vom Marburger ADFC ein. So sei der neue Linksabbieger vom Rudolphsplatz zum Pilgrimstein eine "vernünftige Lösung". Es gebe die ersten Fahrradampeln am Wilhelmsplatz, die Teststrecke am Erlengraben sowie rot markierte Fahrradstreifen, die den Radlern mehr Sicherheit geben: "Das fällt natürlich auf." Allerdings fürchtet Schuch angesichts des Sparhaushalts eine "Rolle rückwärts". Der Etat für den Radverkehr sei massiv zusammengestrichen worden. Dabei müsse man gerade dann in den Radverkehr investieren, wenn man kein Geld habe: Die Investitionen seien viel niedriger als bei Autos und verursachten kaum Folgekosten.

Als Ansporn für Stadt will auch Asta-Verkehrsreferent Cornelius Hansen das Ergebnis verstanden wissen: "Die Steigerung war mehr als überfällig", sagt er. Allerdings machen ihm die neuen politischen Konstellationen Sorge. So seien die neuen Radstreifen im Nordviertel ein erster guter Ansatz. Die Fortsetzung in der Bahnhofstraße und in der Elisabethstraße fehle jedoch. "Unsäglich" findet Hansen, dass der viel befahrene Radweg an der Lahn wegen fehlender Beleuchtung in den Abendstunden kaum benutzbar sei. Überfällig sei zudem ein sinnvoller Radweg auf die Lahnberge. Auch Sigrun Bennemann von der Bürgerinitiative Verkehrswende kritisiert den fehlenden Schutz für Radler auf dem Weg auf die Lahnberge und in der Elisabethstraße. Zudem endeten viele Radfahrspuren im Nichts, moniert die BI-Sprecherin. Es gebe zwar einen sehr guten Radverkehrsplan. Der müsse aber umgesetzt werden, sagt Bennemann, die das Ergebnis des Klimatests für nicht gerechtfertigt hält.

Unter den knapp 100 Städten ihrer Größenordnung kletterte Marburg von Platz 87 auf Platz 39. In Schulnoten ausgedrückt, verbesserte sich die Stadt von 4,2 auf 3,7, also von vier minus auf vier plus. Damit liegt Marburg allerdings leicht über dem Durchschnitt von 3,8. An der Befragung beteiligten sich 143 Radler.

Betrachtet man die Auswertung genau, hat sich die Stadt in vielen Aspekten ganz leicht verbessert. Weit über dem Durchschnitt steht sie jedoch bei den öffentlichen Leihfahrrädern und bei der Fahrradmitnahme in Bussen. Das vom Asta der Uni eingeführte und von der Stadt unterstützte "Call a Bike" erhielt eine herausragende 2,2 (der Durchschnitt liegt bei 4,4). Bundesweit wurde nur Norderstedt in Schleswig-Holstein noch besser beurteilt. Ab Oktober wechselt der Asta zwar den Anbieter – von der Bahn AG zu Nextbike -, damit soll das System aber sogar günstiger werden. Studierende zahlen dann nur noch 1,50 Euro pro Semester, aber auch für Nicht-Studierende sind die Leihräder attraktiv.

Auch die Fahrradmitnahme in den Bussen wurde zumindest deutlich besser als im Bundesdurchschnitt beurteilt (3,6 gegenüber 4,2). Dahinter verbirgt sich vor allem der 2015 gestartete "Radzfatz-Bus". Damit karren städtische Busse Fahrräder im Anhänger von der City auf die Lahnberge. Das System gibt es bundesweit vornehmlich für Touristen – etwa auf Rügen, am Chiemsee, in der sächsischen Schweiz, im Altmühltal oder in der Rhön. In Marburg richtet sich das Angebot vor allem an radelnde Studierende und Berufstätige, denen der Bus den Weg auf die Lahnberge erleichtern soll. RadzFatz wird allerdings nicht so gut genutzt, wie es sich die Stadtwerke wünschen würden, berichtet Birgit Stey, Geschäftsführerin der Stadtwerke-Tochter Marburg Consult. Immerhin steigen die Fahrgastzahlen seit einer Veränderung der Linienführung langsam – bis zu 30 Fahrräder werden zurzeit jeden Tag mitgenommen. Der Fahrradbus fährt im Sommerhalbjahr jeden Vormittag von 7.24 Uhr bis 11.24 im Stundentakt vom Erlenring über den Wilhelmsplatz und die Frankfurter Straße auf die Lahnberge.

Relativ gute Werte erreichte Marburg auch beim Winterdienst auf Radwegen, beim Zustand der Wege, der Fahrradförderung in jüngster Zeit sowie bei den in Gegenrichtung geöffneten Einbahnstraßen. Dagegen werden Falschparker auf Radwegen offenbar nur selten kontrolliert. Auch die Führung an Baustellen scheint schlecht zu sein. Nach wie vor ist das Radfahren in Marburg auch relativ stressig. Besonders auffällig dabei sind Konflikte mit Autofahrern. Zudem fühlen sich die Radler im Stadtverkehr immer noch sehr gefährdet.

Weitere Informationen: www.fahrradklima-test.de

Gesa Coordes

Tipp des Tages

Foto: Martin
Hutchinson
Martin Hutchinson

Singer/Songwriter Martin Hutchinson stammt aus einer musikalischen Familie im irischen County Kildare. Schon in jungen Jahren spielte er in der Familienband zunächst Akkordeon, dann zunehmend Gitarre. Später zog es ihn in die irische Folk- und Rockszene nach Dublin, bis er schließlich zunächst nach London aus­wan­derte. Heute lebt der Musiker in Utrecht, regelmäßig zieht es ihn aber zurück nach Irland, wo er immer wieder Inspiration für neue Songs findet. Seine Spiel auf der Stahlsaitengitarre ist geprägt durch ein klares Fingerpicking und bluesige Slides. Amerikanische Blueseinflüsse verbindet er mühelos mit irischer Folktradition. Seine warme, prägnante Stimme erlaubt Vergleiche, beispielsweise mit der Folklegende Christy Moore. Auf der Bühne gewinnt Martin Hutchinson sein Publikum schnell mit Charme und augenzwinkerndem Humor.
Fr 19.10. | 20 Uhr | Marburg | TurmCafé
 
Tipp der Woche

Foto: Nati
Seit 2010

Seit 2010 experimentiert die Schweizer Band Ghost Town mit der Transformation kommerzieller Popmusik hin zur Neu­inter­pre­tation ins Reich der freien Improvisation. Dies wird in den ersten sechs Jahren als Gitarrentrio umgesetzt und 2016 durch Joana Aderi – Gesang und experimental electronics – erweitert mit Murderballads, Seashanties, Lovesongs und Liedern aus der Zeit der großen Depression 1929. Diese und weitere Themen bilden die Basis der amerikanischen Blues- und Countrymusic der 1920er bis 1940er Jahre, und die Band zelebriert diese American Roots Music mit improvisatorischer Frische, fetten Grooves und einer ordentlichen Prise schwarzen Humors.
Di 23.10. | 20.30 Uhr | Marburg | Cavete
 
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