Freitag, 19. Oktober 2018
Thema der Woche | 18. Mai 2017

Ein kleiner Kämpfer

Jüngster Patient des Ionenstrahl-Therapiezentrums leidet unter seltenem Hirntumor – Foto: Coordes

Wenn der kleine Emil mit seinen Eltern ins Marburger Ionenstrahl-Therapie­zentrum geht, trägt er eine lustige Mütze über seinem Helm. Holzautos und Bilderbücher hat der quirlige Knirps mitgebracht. Weder die knallgelben Wände noch die Ärzte scheinen ihn zu schrecken. "Er spaziert hier herein, wie andere Kinder in den Kindergarten", sagt Kinderonkologin Barbara Zezschwitz. Emil ist das erste Kleinkind, das im Marburger Ionenstrahl-Therapiezentrum behandelt wird. Der Junge leidet unter einem sehr seltenen, hoch­aggressiven Gehirn­tumor, einem atypischen Teratoid-Rhabdoid-Tumor. Der hellblaue Helm schützt seinen Kopf.

"Hochdramatisch" sei die Situation gewesen, als Emil am 5. Oktober ver­gang­enen Jahres in die Notaufnahme des Universitätsklinikums kam, berichtet die Direktorin der Klinik für Strahlentherapie in Marburg und Gießen, Prof. Rita Engenhart-Cabillic. Der 15 Monate alte Junge war bereits kaum mehr an­sprech­bar und halbseitig gelähmt. Die Computertomographie zeigte einen sieben Zenti­meter großen Gehirntumor, der einblutete. Innerhalb weniger Minuten wurde er in den Operationssaal geschoben und von Prof. Christopher Nimsky, dem Direktor der Klinik für Neurochirurgie, operiert. "Ohne die Not-OP wäre er innerhalb weniger Stunden gestorben", so Engenhart-Cabillic.

Seitdem wird Emil interdisziplinär sowohl in Gießen, wo die Chemotherapie stattfindet, als auch in Marburg behandelt. Im Ionenstrahltherapiezentrum ist er der jüngste Patient. "Das ist ein großer Glücksfall", sagt seine Mutter, die 28-jährige Lena Quahl aus Schwalmstadt. Das Marburger Zentrum arbeitet erst seit 18 Monaten. Vergleichbare Einrichtungen sind sehr selten. Inner­halb Deutsch­lands gibt es diese Behandlung nur noch in Essen und Heidelberg. Normaler­weise wartet man allerdings auch länger mit der Bestrahlung bei so kleinen Kindern, da die Gehirnentwicklung noch nicht abgeschlossen ist. Bei Emil ließ sich die Strahlentherapie allerdings nicht mehr hinausschieben, da der Tumor bereits eingeblutet hatte.

Seit März kommt die Familie vier- bis fünfmal pro Woche nach Marburg, wo Emil unter Vollnarkose bestrahlt wird. Bei erwachsenen Patienten ist keine Narkose nötig, da sie unter ihrer Kopfmaske ausreichend ruhig bleiben. Die zielgenaue Bestrahlung des Tumors dauert bei Emil nur zehn Minuten. Während dieser Zeit trägt auch er eine eigens für ihn angefertigte Kunststoffmaske, die seinen Kopf unbeweglich hält. Die Bestrahlung auf der robotergesteuerten Patientenliege wird mit neun Bildschirmen überwacht.

Bislang verträgt er die Bestrahlungen besser als die Chemotherapie, auf die er jedes Mal mit Fieber, einmal sogar mit einem Lebervenenverschluss reagiert hat. Viele Bluttransfusionen waren nötig. "Emil ist ein kleiner Kämpfer und unser kleines Wunder", sagen die Eltern Lena Qual und Marc Hussmüller. Sie wissen, dass der Tumor hochaggressiv ist. Mehr als die Hälfte der betroffenen Kinder sterben. Doch die Eltern sind zuversichtlich. Er erhalte die optimale Therapie, sagen sie. Kognitive Folgen gibt es bislang nicht. Emil lernt täglich neue Wörter. Er hat sogar seine ersten Schritte in der Gießener Uni-Klinik gemacht.

"Derzeit sind wir optimistisch", sagt Kinderonkologin Zezschwitz. Bis zu seinem zweiten Geburtstag im Juli sind die Behandlungen wahrscheinlich abgeschlossen. Eine große Party gemeinsam mit Familie, Freunden und allen Helfern soll es aber erst im Spätsommer geben, sagt Lena Qual: "Wir wünschen uns vor allem normalen Alltag mit einem gesunden Kind." Und im nächsten Jahr, so hofft sie, geht Emil in den Kindergarten.

Marburger Ionenstrahl-Therapiezentrum
18 Monate nach der Eröffnung wurden bereits mehr als 270 Menschen im Marburger Ionenstrahl-Therapiezentrum behandelt. Von den Strahlen profitieren vor allem Krebspatienten mit Tumoren, die man auf "normalem" Weg nicht erreichen kann, weil sie zu tief im Körper oder zu nah an gesundem Gewebe liegen. Deshalb werden viele Patienten mit Hirntumoren behandelt, aber auchTumore in den Speicheldrüsen, Prostatakarzinome und Bauchspeicheldrüsenkrebs. Vermehrt werden die Strahlen auch bei Kindern und Jugendlichen eingesetzt. Das Verfahren hinterlässt kaum Schäden in der Umgebung des Tumors, weil sich die Strahlen sehr präzise und konzentriert platzieren lassen. Computer berechnen die optimale Strahlendosis für jeden einzelnen Punkt im Tumor.
Das Marburger Zentrum hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Das Leucht­turm­projekt des privatisierten Marburger Universitätsklinikum wurde von Kranken­haus­betreiber Rhön 2011 gestoppt, obgleich der 120 Millionen Euro teure Bau auf den Marburger Lahnbergen bereits stand. Es hatte sich nämlich herausgestellt, dass die Anlage nicht genug Patienten behandeln kann, um sich zu rechnen. Nach jahre­langem Gezerre wurde schließlich eine Zusammenarbeit mit dem Heidelberger Ionenstrahl-Therapiezentrum vereinbart, das nun mit 75,1 Prozent beteiligt ist. Daraufhin konnte die Marburger Einrichtung eröffnet werden.
gec

Gesa Coordes

Tipp des Tages

Foto: Martin
Hutchinson
Martin Hutchinson

Singer/Songwriter Martin Hutchinson stammt aus einer musikalischen Familie im irischen County Kildare. Schon in jungen Jahren spielte er in der Familienband zunächst Akkordeon, dann zunehmend Gitarre. Später zog es ihn in die irische Folk- und Rockszene nach Dublin, bis er schließlich zunächst nach London aus­wan­derte. Heute lebt der Musiker in Utrecht, regelmäßig zieht es ihn aber zurück nach Irland, wo er immer wieder Inspiration für neue Songs findet. Seine Spiel auf der Stahlsaitengitarre ist geprägt durch ein klares Fingerpicking und bluesige Slides. Amerikanische Blueseinflüsse verbindet er mühelos mit irischer Folktradition. Seine warme, prägnante Stimme erlaubt Vergleiche, beispielsweise mit der Folklegende Christy Moore. Auf der Bühne gewinnt Martin Hutchinson sein Publikum schnell mit Charme und augenzwinkerndem Humor.
Fr 19.10. | 20 Uhr | Marburg | TurmCafé
 
Tipp der Woche

Foto: Nati
Seit 2010

Seit 2010 experimentiert die Schweizer Band Ghost Town mit der Transformation kommerzieller Popmusik hin zur Neu­inter­pre­tation ins Reich der freien Improvisation. Dies wird in den ersten sechs Jahren als Gitarrentrio umgesetzt und 2016 durch Joana Aderi – Gesang und experimental electronics – erweitert mit Murderballads, Seashanties, Lovesongs und Liedern aus der Zeit der großen Depression 1929. Diese und weitere Themen bilden die Basis der amerikanischen Blues- und Countrymusic der 1920er bis 1940er Jahre, und die Band zelebriert diese American Roots Music mit improvisatorischer Frische, fetten Grooves und einer ordentlichen Prise schwarzen Humors.
Di 23.10. | 20.30 Uhr | Marburg | Cavete
 
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