Sonntag, 21. Oktober 2018
Thema der Woche | 11. Mai 2017

Bei Anruf Herz

Das Lichtkunstwerk hat Geburtstag – Foto: Georg Kronenberg

Seit zehn Jahren leuchtet ein riesiges Herz mit einer Efeuranke über Marburg. Sieben Meter groß und 1,4 Tonnen schwer ist das Lichtkunstwerk namens "Siebensiebenzwölfnullsieben", das an den Geburtstag der Heiligen Elisabeth am 7.7.1207 erinnert. Bis heute strahlt es vom Spiegelslustturm herunter für Verliebte, Hundertjährige und andere Liebhaber. Kulturamtsleiter Richard Laufner, der die Idee entwickelte: "Ich bin begeistert, dass es eines der Marburger Wahrzeichen geworden ist."

Dabei sollte das zentrale Symbol für das Elisabethjahr 2007 eigentlich nur ein Jahr lang leuchten. Umstritten war es auch. Ursprünglich sollte es nämlich vom Giebel des gegenüber liegenden Wilhelmsbaus am Marburger Land­grafen­schloss herabblinken. Doch das Präsidium der Philipps-Universität, der das Schloss gehört, lehnte das Herz wegen der "Konnotation von Kitsch und Bordell" ab. Die Hochschulleitung fühlte sich zu sehr an das Rotlichtmilieu erinnert. Daraufhin installierte die Stadt das Kunstwerk am Spiegelslustturm auf den Marburger Lahnbergen, wo es auf 400 Metern sogar noch höher hängt.

Schließlich entstammt das zinnoberrote Herz als Symbol der Nächstenliebe ebenso wie die Efeuranke als Zeichen ewigen Lebens den schmiedeeisernen Ornamenten des Portals der Elisabeth­kirche. Die Marburger Künstlerin Helmi Ohlhagen übersetzte das spätgotische Motiv in ein modernes Medium. Das Rot – die wichtigste liturgische Farbe – ist der scharlachroten Tür der Elisabeth­kirche entlehnt. Die Erläuterung überzeugte auch eher skeptische Vertreter der Kirche. Und nach dem Elisabethjahr setzten sich unter der Parole "Das Herz muss bleiben" mehr als 1000 Marburger dafür ein, dass die Lichtinstallation nicht verschrottet wird. Inzwischen ziert das Kunstwerk viele Stadtprospekte. Sogar die Marburg-Schokolade eines örtlichen Konditors arbeitet mit dem Motiv.

Das Elisabethherz hat eine Eigenheit: Man muss anrufen, um das Herz zum Leuchten zu bringen. Von der Dämmerung bis zum Morgengrauen können Verliebte und andere Menschen das Kunstwerk mit der Festnetznummer 06421-590469 eine Minute strahlen zu lassen. Wer eine Flatrate hat, kann dies sogar umsonst nutzen. Besonders beliebt soll es bei Jugendlichen sein.

Dazu gibt es ein besonderes Geschenk für sehr alte Menschen und sehr lang Verheiratete. Wer mindestens hundert Jahre alt ist oder seine eiserne Hochzeit feiert, für den leuchtet das Herz am Geburtstag eine ganze Nacht. Passend zur demografischen Entwicklung passiert dies inzwischen immer häufiger. Strahlte die Installation 2008 noch 18mal, sind es heute schon rund 50mal pro Jahr. Für 77,12 Euro wird das Kunstwerk auch auf Anfrage eine Nacht lang angeschaltet. Besonders oft ist dies bei Hochzeiten und Heiratsanträgen der Fall.

Die Installation soll nun so lange wie möglich bleiben. Stabil scheint sie zu sein. Als Orkan Kyrill über die Lahnberge fegte und den Wald derart verwüstete, dass selbst das Uni-Klinikum von der Außenwelt abgeschnitten wurde, blieb das Herz ungerührt. Gelegentlich – das muss man einräumen – leidet es jedoch unter Herzrhythmusstörungen. Dann lässt es sich nicht einschalten.

Gesa Coordes

Tipp des Tages

Foto: Junge
Kantorei
Junge Kantorei

Das aktuelle Konzert "Mein Herz entbrennt" der Jungen Kantorei stellt den Besuchern Musik von Komponisten aus der deutschen Romantik vor. Schon der Titel legt nahe, dass Liebe, Leiden­schaft, Sehnsucht, Scherz, Leben und Tod, das Mystische und das Verklärte, die Zuhörer in ein Wechselbad der Gefühle mitnehmen. Jonathan Hofmann, der Chorleiter der Jungen Kantorei: "Die romantische A-Cappella-Chormusik ist seit Beginn meiner Arbeit als Chorleiter einer meiner liebsten Bereiche, weil die Stimme das uns am meisten und am innigsten verbundene Kommunikationsmittel ist. Im Singen kann man Gefühle noch wesentlich intensiver transportieren als im Sprechen. Somit bekommt die Stimme eine ungeheure Bedeutung." Die Instrumentalmusik im Konzert verbindet eine Fantasie für Violine und Klavier von Franz Schubert, eines seiner schönsten kammermusikalischen Werke, mit Romanzen für die gleiche Besetzung von Clara Schumann, die damit gegenüber allen Bedenken der damaligen Zeit ihre Bedeutung als Komponistin herausstellen konnte.
So 21.10. | 19 Uhr | Marburg | Schloss | Fürstensaal
 
Tipp der Woche

Foto: Nati
Seit 2010

Seit 2010 experimentiert die Schweizer Band Ghost Town mit der Transformation kommerzieller Popmusik hin zur Neu­inter­pre­tation ins Reich der freien Improvisation. Dies wird in den ersten sechs Jahren als Gitarrentrio umgesetzt und 2016 durch Joana Aderi – Gesang und experimental electronics – erweitert mit Murderballads, Seashanties, Lovesongs und Liedern aus der Zeit der großen Depression 1929. Diese und weitere Themen bilden die Basis der amerikanischen Blues- und Countrymusic der 1920er bis 1940er Jahre, und die Band zelebriert diese American Roots Music mit improvisatorischer Frische, fetten Grooves und einer ordentlichen Prise schwarzen Humors.
Di 23.10. | 20.30 Uhr | Marburg | Cavete
 
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