Freitag, 19. Januar 2018
Thema der Woche | 11. Mai 2017

Bei Anruf Herz

Das Lichtkunstwerk hat Geburtstag – Foto: Georg Kronenberg

Seit zehn Jahren leuchtet ein riesiges Herz mit einer Efeuranke über Marburg. Sieben Meter groß und 1,4 Tonnen schwer ist das Lichtkunstwerk namens "Siebensiebenzwölfnullsieben", das an den Geburtstag der Heiligen Elisabeth am 7.7.1207 erinnert. Bis heute strahlt es vom Spiegelslustturm herunter für Verliebte, Hundertjährige und andere Liebhaber. Kulturamtsleiter Richard Laufner, der die Idee entwickelte: "Ich bin begeistert, dass es eines der Marburger Wahrzeichen geworden ist."

Dabei sollte das zentrale Symbol für das Elisabethjahr 2007 eigentlich nur ein Jahr lang leuchten. Umstritten war es auch. Ursprünglich sollte es nämlich vom Giebel des gegenüber liegenden Wilhelmsbaus am Marburger Land­grafen­schloss herabblinken. Doch das Präsidium der Philipps-Universität, der das Schloss gehört, lehnte das Herz wegen der "Konnotation von Kitsch und Bordell" ab. Die Hochschulleitung fühlte sich zu sehr an das Rotlichtmilieu erinnert. Daraufhin installierte die Stadt das Kunstwerk am Spiegelslustturm auf den Marburger Lahnbergen, wo es auf 400 Metern sogar noch höher hängt.

Schließlich entstammt das zinnoberrote Herz als Symbol der Nächstenliebe ebenso wie die Efeuranke als Zeichen ewigen Lebens den schmiedeeisernen Ornamenten des Portals der Elisabeth­kirche. Die Marburger Künstlerin Helmi Ohlhagen übersetzte das spätgotische Motiv in ein modernes Medium. Das Rot – die wichtigste liturgische Farbe – ist der scharlachroten Tür der Elisabeth­kirche entlehnt. Die Erläuterung überzeugte auch eher skeptische Vertreter der Kirche. Und nach dem Elisabethjahr setzten sich unter der Parole "Das Herz muss bleiben" mehr als 1000 Marburger dafür ein, dass die Lichtinstallation nicht verschrottet wird. Inzwischen ziert das Kunstwerk viele Stadtprospekte. Sogar die Marburg-Schokolade eines örtlichen Konditors arbeitet mit dem Motiv.

Das Elisabethherz hat eine Eigenheit: Man muss anrufen, um das Herz zum Leuchten zu bringen. Von der Dämmerung bis zum Morgengrauen können Verliebte und andere Menschen das Kunstwerk mit der Festnetznummer 06421-590469 eine Minute strahlen zu lassen. Wer eine Flatrate hat, kann dies sogar umsonst nutzen. Besonders beliebt soll es bei Jugendlichen sein.

Dazu gibt es ein besonderes Geschenk für sehr alte Menschen und sehr lang Verheiratete. Wer mindestens hundert Jahre alt ist oder seine eiserne Hochzeit feiert, für den leuchtet das Herz am Geburtstag eine ganze Nacht. Passend zur demografischen Entwicklung passiert dies inzwischen immer häufiger. Strahlte die Installation 2008 noch 18mal, sind es heute schon rund 50mal pro Jahr. Für 77,12 Euro wird das Kunstwerk auch auf Anfrage eine Nacht lang angeschaltet. Besonders oft ist dies bei Hochzeiten und Heiratsanträgen der Fall.

Die Installation soll nun so lange wie möglich bleiben. Stabil scheint sie zu sein. Als Orkan Kyrill über die Lahnberge fegte und den Wald derart verwüstete, dass selbst das Uni-Klinikum von der Außenwelt abgeschnitten wurde, blieb das Herz ungerührt. Gelegentlich – das muss man einräumen – leidet es jedoch unter Herzrhythmusstörungen. Dann lässt es sich nicht einschalten.

Gesa Coordes

Tipp des Tages

Foto: Privat
Dylan's Dream

Die international be­setz­te Band Dylan's Dream mit sieben er­fahre­nen Musikern versteht es, unter dem Motto "times are changing" das große künst­lerische Lebens­werk Bob Dylans – Literatur-Nobel­preis­träger 2017 – mit eigener Hand­schrift und in­di­vi­du­ellen Inter­pre­tationen eindrucksvoll zu präsen­tieren und ein generationen­über­greifendes Publikum zu be­geistern.
Fr 19.1. | 20 Uhr | Marburg | Waggonhalle
 
Tipp der Woche

Foto: Nico
Semsrott
Nico Semsrott

"Freude ist nur ein Mangel an Information", findet der Träger des Klein­kunst­preises 2017 Nico Semsrott, der wohl traurigste Komiker der Welt. Kein Wunder, versucht er doch verzweifelt, die wichtigsten Fragen des Lebens zu beantworten. Die Presse behauptet dennoch, dass Semsrott etwas vom Lustigsten ist, was die deutschsprachige Kabarettszene momentan zu bieten hat. Auf jeden Fall ist das, was der Mann mit der Kapuze da auf der Bühne treibt: einzigartig, intelligent und relevant.
Do 25.1. | 20 Uhr | Marburg | KFZ
 
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