Montag, 25. September 2017
Thema der Woche | 4. Mai 2017

Lauter Lachnummern

Michael Mittermeier über Comedy im Zeitalter von Trump & Co.
Foto: Manfred Baumann

In seinem aktuellen Programm "Wild" widmet sich Comedian Michael Mitter­meier Menschenfängern, Trollen und Nagellackentfernern. Im Interview mit dem Express erzählt der Vorkämpfer der deutschen Stand-up-Comedy, von seinem Einsatz für den lange inhaftierten Comedian Zarganar und was sich durch Trump & Co. an seinem Job geändert hat. Mit "Wild" gastiert Mittermeier am 10. Mai, in unserer Nachbarstadt Gießen.

EXPRESS: Der Populismus scheint überall an Bedeutung zu gewinnen. Spiegelt sich das in "Wild" wider?

Mittermeier: Ja natürlich. Ich meine, wir leben in einer Zeit in der im Grunde genommen das Faken dazugehört. Und das ganze Gerede über die "Lügen­presse", das ist nur ein Abschieben der eigenen Unzulänglichkeiten. Das Schlimme ist ja, jemand wie Donald Trump ist einfach ein Fake. Er sagt ja jetzt, dass Obama schuld daran ist, dass Assad Giftgas einsetzt. Er selbst hat aber vor vier Jahren genau zu dem Thema geschrieben, "nicht eingreifen ihr Deppen, sonst passiert Schlimmes in Syrien". Es geht nur darum, immer die Verant­wortung abzugeben. Wir leben in Zeiten, in denen "House of Cards" im Grunde genommen wie eine Doku wirkt.

EXPRESS: Als sie Ihre USA-Tour machten, war Trump noch nicht viel mehr als eine Witzfigur. Wie denken Sie jetzt darüber?

Mittermeier: Er ist natürlich allgegenwärtig. Dafür sorgt er schon selber, dass er jeden Tag den Menschen auf den Wecker geht mit seinen Tweets. In aller­erster Linie finde ich es menschlich einfach mal schade, dass man so dreist und so verlogen und nur selbstverliebt ein ganzes Land in Verruf bringt.

EXPRESS: Millionen haben ihn gewählt ...

Mittermeier: Er ist gewählt und die Demokratie oder sagen wir die Politiker haben auch einfach versagt. Und eines der wenigen Dinge, mit denen er recht hat ist, wenn die Menschen ihn wählen, obwohl er nur aus einer reinen Luft­blase besteht, dann muss etwas schief gelaufen sein. Hillary Clinton war im Grunde genommen die schwächste Gegnerin, die sie hinstellen konnten. Du fragst dich halt, schaffen es die Parteien nicht, Talente wie Obama zu finden.

EXPRESS: Kann man das auf Deutschland übertragen?

Mittermeier: In letzter Zeit sagen anscheinend immer mehr Leute, "das System ist schlecht und die Eliten sind scheiße". Wenn ich mir dann einen Björn Höcke anschaue, der gegen die Eliten ist, dann denke ich immer, "dann bin ich aber ganz schön elitär drauf".

Es ist immer interessant, wenn ich eine Nummer über Pegida oder Flüchtlinge im Programm habe und dann Leute rausgehen und sich beschweren, dass ich nur über Politik rede. Aber das sind dann mal zehn Minuten von zweieinhalb Stunden. Ich würde auch nie auf die Bühne gehen und die ganze Zeit über Politik sprechen, da würde keiner mehr kommen und ich würde mich zu Tode langweiligen. Ich rede über die Welt, die Welt hat alle Fassetten. Und deshalb habe ich sowieso den schönsten Job der Welt.

EXPRESS: Sie treten auch in politischen Satireformaten wie der "Anstalt" oder der "Heute Show" auf. Unterscheiden sich diese Shows von ihren Soloprogrammen?

Mittermeier: Ich sehe da gar keinen Unterschied. Ich habe ja in meinen Soloprogrammen auch politische Sachen drin und wir ziehen in Deutschland immer so extrem die Grenze zwischen Kabarett und Comedy, die es meines Erachtens gar nicht gibt. Was ist denn ein Josef Hader, was ist denn ein Dieter Nuhr? Und in erster Linie gehen diese Menschen ja auf die Bühne um zu unterhalten. Der eine macht mehr Politik und der andere weniger. Aber es gibt ja kein Ausschlussverfahren. Es gibt ja mittlerweile Formate, die Leute nehmen, die nur etwas Lustiges erzählen. Das war vor zwanzig Jahren noch nicht so, da wurden wir vom Kabarett komplett abgegrenzt, was totaler Quatsch war. Ich mache auf der Bühne manchmal mehr Kabarett, als manche Kabarettisten, die verkaufen das nur anders. Und es ist ja auch kein Gütesiegel. Die Menschen sollen unterhalten werden und wenn es gut war, ist das die Hauptsache.

EXPRESS: Sie haben sich intensiv für den in Burma inhaftierten Comedian Zarganar eingesetzt, sind mit Filmemacher Rex Bloomstein inkognito nach Burma gereist um eine Dokumentation über ihn zu drehen. Was hat sie dazu bewogen?

Mittermeier: Ich hab nicht überlegt. Ich habe nur gehört, da ist ein Comedian in Haft und da dachte ich, mach ich! Das war eine reine Bauchentscheidung.

Wir Kabarettisten und Comedians können natürlich viel über alles sprechen, aber du musst auch mal Dinge tun! Und diese Dokumentation hat auch etwas mit mir gemacht.

EXPRESS: Was hat sie mit Ihnen gemacht?

Mittermeier: Mich hat der Mann inspiriert. Ich glaube nicht, dass ich den Mut hätte. Der Mann wurde gefoltert und war elf Jahre seines Lebens im Gefängnis. Jedes Mal, wenn er frei kam und den Mund aufmachte, ging er wieder in den Knast. Er war fünf Jahre in Einzelhaft. Fünf Jahre! Alleine! Und dann ging er raus, machte den Mund auf und wurde wieder ins Gefängnis gesteckt. Diesen Mut zu haben, das ist schon ein Vorbild. Dass ich hier meinen Mund aufmache, ist ja nicht mutig. Was kann uns denn passieren? Nichts. Also Gott sei Dank, weil wir eben Gesetze haben, in denen Satire frei ist. Wir haben das Beste der möglichen Systeme und das ist für meinen Berufsstand schon ganz gut. Mich hat das damals einfach inspiriert, auch danach weiterzumachen und auf die ganze Welt zu schauen. Auch wenn sich im Endeffekt nichts ändert, man muss es mindestens versucht haben.

Ich kann mich daran erinnern, dass wir Linken damals Anfang/Mitte der Neun­ziger für ein funktionierendes Einwanderungsgesetz auf die Straße gegangen sind. Heute fliegt das allen um die Köpfe und du wirst als linker Volksverräter dahingestellt. Dass das Flüchtlingsthema irgendwann explodieren würde, wussten wir damals eigentlich alle. Aber unsere Parteien waren noch nicht bereit, das heiße Eisen anzufassen.

EXPRESS: Sind denn die Parteien jetzt bereit dazu?

Mittermeier: Nur wenn es gerade dient im Wahlkampf. Das ist ja das Schlimme.

EXPRESS: Also wird das Thema nur aufgenommen, wenn es ins Wahl­programm passt.

Mittermeier: Ja! Und da sind auch alle gleich. Das ist so was wie "Germany's next Top-Heuchler". Wenn es gerade passt, tun wir es rein. Schauen wir uns Syrien an, was wurde rumgeeiert. Und das ist nur ein Land von vielen, aus dem die Menschen fliehen. Eine halbe Million ist mittlerweile umgekommen bei diesem, nennen wir es Bürgerkrieg. Ein Krieg, den die Regierung gegen die Bürger führt. Das ist der Wahnsinn und das ist nur ein Land. Freunde, wir müssen uns globale Lösungen überlegen und uns hier nicht in Kleinkriegen verzetteln.

Zarangar
Der burmesische Comedian Zarganar war 1988 vom damaligen Militärregime verhaftet worden, weil er sich an dem nationalen Aufstand beteiligt hatte. In der Folge saß er mit Unterbrechungen sechs Jahre in Haft, fünf davon in Einzelhaft. 2008 wurde er zu 59 Jahren Haft verurteilt, weil er Witze über die Junta gemacht hatte.
Zarganars Mut, immer wieder das Militärregime zu kritisieren, brachte den britischen Dokumentarfilmer Rex Bloomstein auf den Plan, der mit Mittermeier den Film "This Prison Where I Live" über Zarganar drehte. Der Comedian wurde nach der Ausstrahlung im Jahr 2011 mit tausenden anderen politischen Häftlingen frei­ge­lassen. 2012 traf er in den USA die damalige Außenministerin Hillary Clinton.

Interview: Christina Schmid

Tipp des Tages

Foto: Eke
Miedaner
Sunil Mann

Am Grab seines Vaters lernt Detektiv Vijay Kumar die seltsame Franziska Zehnder kennen. Sie ist auf der Suche nach Gaudenz Pfister, und Vijay findet heraus, dass dieser nach seiner Scheidung auf der Straße lebt – dabei hätte der Ex-Banker genug Geld für einen Neuanfang haben müssen. Dann überschlagen sich die Ereignisse ... Sunil Mann wurde als Sohn indischer Einwanderer im Berner Oberland geboren. Die Studiengänge Psychologie und Germanistik brach er erfolgreich ab. Zahlreiche seiner Kurzgeschichten wurden ausgezeichnet, und für sein Romandebüt "Fangschuss" wurde er mit dem Zürcher Krimipreis geehrt. Der Autor liest aus seinem aktuellen Roman "Gossenblues" am
Mo 25.9. | 20 Uhr | Marburg | TTZ
 
Tipp der Woche

Foto: Waggon-
halle
Max Goldt

Nach "Für Nächte am offenen Fenster" (2003), dem großen Band, der Max Goldts prachtvollste Texte bis zum Jahr 2002 enthält, versammelt sich hier das Schönste, Komischste und Erstaunlichste, das Max Goldt in den Jahren von 2003 bis 2014 schrieb und vorlas. Es ist einzigartig, wie Max Goldt höchste literarische Stilistik, satirische Schärfe, Gedankentiefe und Komik verbindet. "Max Goldt schreibt heute das schönste Deutsch aller jüngeren Autoren ... Die Heiterkeit und Stille, die diese Sprache ihren Lesern schenkt, liegt nicht nur im Humor; ebenso in einem freundlichen Abstandnehmen von den Aufdringlichkeiten einer Wirklichkeit, an der man sich besser seitlich vorbeidrückt." (Gustav Seibt) "Lippen abwischen und lächeln" heißt es
Mi 27.9. | 20 Uhr | Marburg | Waggonhalle
 
Aktuelles Heft
Zum Anschauen und Blättern klicken Sie bitte auf den Hefttitel.
 
Kulturtipps 2017
Zum Anschauen und Blättern klicken Sie bitte auf den Hefttitel.
 
Ausgehen & Einkaufen
Zum Anschauen und Blättern klicken Sie bitte auf den Hefttitel.