Montag, 23. April 2018
Thema der Woche | 27. April 2017

Jüdischem Leben auf der Spur

Stadtspaziergang durch 700 Jahre Stadtgeschichte – Foto: Kronenberg

Einstige Synagogen verbergen sich in renovierten Fachwerkhäusern, ehemalige Ghettohäuser sind heute unauffällige Geschäfte. Wo die evangelische Familien­bildungsstätte zum Kochen, Basteln und Treffen einlädt, wurden einst jüdische Kinder unterrichtet. Unterdessen präsentiert sich die neue Synagoge im Marburger Südviertel als offenes Gebetshaus für alle Völker. "Das Judentum ist 700 Jahre lebendig gewesen und ist es wieder", so Monika Bunk vom Vorstand der Jüdischen Gemeinde.

Einen Stadtspaziergang auf den Spuren jüdischen Lebens in der Universitäts­stadt hat das Kulturamt Marburgs anlässlich des 700-jährigen Jubiläums konzi­piert. Mit einem Flyer in der Hand können sich Einheimische und Gäste auf den Weg machen. Am 15. Mai 1317 wurde erstmals in einer Urkunde von einer Synagoge in Marburg geschrieben. Und genau dort beginnt die Tour.

Das mittelalterliche Judenviertel rund um die Synagoge am oberen Ende des Marktplatzes war kein Ghetto. Aber die meisten jüdischen Familien der Stadt lebten in der "Judengasse", die während der NS-Zeit in "Schlosssteig" um­be­nannt wurde. Entdeckt wurde die mittelalterliche Synagoge aber erst in den 1990er Jahren, als die Stadt eigentlich ein unterirdisches Trafohäuschen bauen wollte. Heute sind die Mauerreste mit der Torahnische, den Kreuzrippen und dem sechszackigen Davidstern längst mit einem mehr als vier Meter hohen Glaskubus überdacht. Schließlich gibt es nach Einschätzung der Archäologen in ganz Mitteleuropa nur 20 vergleichbare Bauten.

Kinder sind allerdings vor allem von den zahlreichen Münzen fasziniert, die auf dem Grund der Ausgrabungsstätte blinken. Besucher werfen sie durch die Ritzen des Glaskubus. Ob sie sich damit Wiederkehr, Glück oder Wieder­gut­machung wünschen? Ein jüdischer Brauch ist es jedenfalls nicht.

Die Synagoge wurde 1452 endgültig abgebrochen. Erst um 1640 richtete die Gemeinde einen neuen Synagogensaal quasi gegenüber im dritten Ober­ge­schoss des blauen Fachwerkhauses (Schlosssteig 6) ein. Der Stadtspaziergang folgt den heute weitgehend unbekannten früheren Synagogenorten in der Ritterstraße 2 und der Langgasse 7 und passiert die ehemalige jüdische Schule an der Lutherischen Pfarrkirche.

Als Beispiel für eines der sieben "Ghettohäuser" Marburgs dient die Untergasse 17, in der heute ein Immobilienmakler sein Büro hat. Viele Jahre stand hier die jüdische Metzgerei der Familie Katz. Besonders beliebt war eine harte rote Wurst, die auch gern von Nicht-Juden gekauft wurde. Ab 1916 lebte der Vater der bekannten Dichterin Mascha Kaléko für einige Monate in der Untergasse 17.

Nach der Zerstörung der Synagoge in der Universitätsstraße machten die Nazis die inzwischen geschlossene Metzgerei zum "Ghettohaus". Zunächst zog die jüdische Schule in das Gebäude. Dann wurden Juden aus Marburg und Umgebung in dieses und sechs weitere jüdische Häuser am Barfüßer Tor 15b, in der Universitätsstraße 20, der Schwanallee 15, der Stresemannstraße 11 sowie der Heusingerstraße 1 und 3 zwangsweise eingewiesen. Vor dem Haus erinnern von Aktionskünstler Gunter Demnig verlegte Stolpersteine an die Familie Katz. Keiner von ihnen hat die NS-Zeit überlebt. Auch Sohn Walter, der mit Ehefrau und zwei Kindern Ende 1937 nach Amsterdam gezogen war, starb im KZ.

Wie die prächtige romanisch-byzantinische Synagoge an der Universitätsstraße einst aussah, zeigt ein Bronzemodell im "Garten des Gedenkens", der nächsten Station. Das von einer Kuppel gekrönte Gotteshaus aus rötlichem Sandstein wurde 1897 eröffnet und bot Platz für mehr als 400 Männer und Frauen. National­sozialisten stecken sie in der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 in Brand. Die Kosten für den Abbruch der Synagogen-Trümmer musste die Jüdische Gemeinde zahlen. Gerettet wurden nur die Torahrollen. Eine liegt heute im Holocaust Memorial Museum in Washington.

Der zentral gelegene Platz ist jedoch nicht nur ein Denkmal, sondern ein lebendiger Treffpunkt, um sich auszuruhen, zu schmökern und nachzudenken. Durch ein Glasfenster wird die 2008 ausgegrabene Mikwe – das rituelle Bad – sichtbar. Im Sommer tauchen die an Jerusalem erinnernden roten Rosen den Garten in ein Blütenmeer. Mit zehn im Gras versenkten Zettelkästen nähern sich die Bürger der Stadt dem Ort, den Menschen und seiner Geschichte aus immer wieder neuen Blickwinkeln (www.garten-des-gedenkens.de).

Einen Aufschwung erlebte die Jüdische Gemeinde erst wieder in den 1980er Jahren, als Amnon Orbach, der Vorsitzende der Gemeinde, – der Liebe wegen – von Israel nach Marburg zog. Da er sich ein Leben ohne Judentum nicht vorstellen konnte, sammelte er verbliebene Juden und baute die Gemeinde neu auf. Durch die Zuwanderung von Menschen aus Osteuropa verzehnfachte sich die Zahl der Gemeindemitglieder. Die bisherigen Räume wurden viel zu klein. 2005 wurde die neue Synagoge in der Liebigstraße im Südviertel eingeweiht, der letzten Station des Stadtspaziergangs. Sie ist das Lebensprojekt von Amnon Orbach.

In der mit blauem Samt ausgeschlagenen Vitrine am Eingang der neuen Synagoge liegt Erde vom Tempelberg. Amnon Orbach hat den mit vertrockneten Olivenblättern und Wurzeln durchzogenen Boden in Plastiktüten von Jerusalem nach Marburg gebracht.

Heute ist die Synagoge ein offenes "Gebetshaus für alle Völker", so steht es über dem Eingang. Gäste sind nicht nur zu Führungen, sondern auch beim Schabbatgottesdienst und den jüdischen Festen willkommen. Personen­kontrollen waren bislang nicht nötig. Nie wurde ein Stein auf die Synagoge geworfen. Und als ein Jugendlicher zu Sozialstunden in der Gemeinde verurteilt wurde, weil er einen jüdischen Friedhof mit rechtsextremen Parolen beschmiert hatte, kam er schnell zur Raison. Die Mischung aus Humor und Offenheit überzeugte auch ihn. Monika Bunk vom Vorstand der Jüdischen Gemeinde: "Wir sind stolz darauf, unsere Türen nicht zu verschließen."

Der Flyer zum Stadtspaziergang "Jüdisches Marburg" ist ab sofort im Rathaus, im Stadtbüro und im Erwin-Piscator-Haus erhältlich. Im Internet lässt er sich unter www.marburg.de/juden herunterladen.

700 Jahre Judentum in Marburg
Auszüge aus dem Programm:
  • Über die Ersterwähnung einer Synagoge in Marburg und die Juden im 14. Jahrhundert sprechen Prof. Ursula Braasch-Schwersmann und Dr. Annegret Wenz-Haubfleisch am Jubiläumstag am 15. Mai ab 19.30 Uhr in der Synagoge in der Liebigstraße 21a
  • Zu einem "Leonard-Cohen-Konzertabend" mit John Kenneth Clark aus Schottland lädt das Turmcafé Spiegelslustturm am 28. Mai ab 19.30 Uhr ein
  • Um die Wirtschaftsethik in Judentum, Christentum und Islam geht es beim Synagogengespräch mit Abraham de Wolf, Zaid El-Mogadeddi (beide Frankfurt) und Rainer Kessler am 1. Juni ab 20 Uhr in der Landsynagoge Roth
  • Orit Orbach, die Großnichte des Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Marburgs, tritt während des Stadtfestes "3 Tage Marburg" am 7. Juli als Solistin (Klarinette) mit dem Studentensinfonieorchester im Schlosspark auf.
  • Luther, Philipp und die Juden sind das Thema von Siegfried Becker, der am 17. August ab 20 Uhr in der Landsynagoge Roth spricht.

Gesa Coordes

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Mo 23.4. | 20 Uhr | Marburg | Café Aroma
 
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Do 26.4. | 19.30 Uhr | Marburg | Erwin-Piscator-Haus
 
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