Donnerstag, 14. Dezember 2017
Thema der Woche | 5. Januar 2017

170 Krebskranke profitierten

Marburger Ionenstrahl-Therapiezentrum läuft "extrem stabil"
Foto: Kronenberg

Ein Jahr nach der Eröffnung des Marburger Ionenstrahl-Therapiezentrums (MIT) sind Ärzte und Techniker sehr zufrieden. Nachdem die 120 Millionen Euro teure Anlage bereits verschrottet werden sollte, wurde nun das Jahresziel übertroffen. Bislang haben 170 Krebspatienten von den Ionenstrahlen profitiert. Weltweit gibt es nur neun vergleichbare Zentren, in Europa sind es nur drei.

"Die Anlage läuft extrem stabil", berichtet der wissenschaftlich-technische Direktor des Ionenstrahl-Therapiezentrums, Prof. Thomas Haberer, der zu den Pionieren der modernen Strahlentherapie zählt. Dafür arbeitet ein Team aus 40 Physikern und Techniker rund um die Uhr in drei Schichten. Dabei sei die Anlage in keinem guten Zustand gewesen, als sie 2015 als Kooperationsprojekt zwischen dem Heidelberger Ionenstrahl-Therapiezentrum und dem privaten Krankenhausbetreiber Rhön neu gestartet wurde. Doch sowohl die Techniker als auch die 20 bis 30 Ärzte und medizinischen Mitarbeiter wurden eigens für die Arbeit in dem futuristisch anmutenden Gebäude auf den Marburger Lahn­bergen ausgebildet. Dadurch sei die Anlaufzeit deutlich verkürzt worden, sagt MIT-Geschäftsführer Prof. Jürgen Debus.

Geht es jetzt nach Plan, wird sich die Patientenzahl bereits 2017 verdoppeln. Auf Dauer sollen ab 2018 jedes Jahr mindestens 600 Krebskranke bestrahlt werden. "Wenn wir darunter liegen, bekommen wir Schwierigkeiten", so Debus. Der Geschäftsführer des Universitätsklinikums Gießen und Marburg, Gunther K. Weiß, zeigte sich indes "sehr zuversichtlich", dass sich das Ionenstrahl-Therapie­zentrum in Zukunft auch wirtschaftlich tragen werde.

Bislang kommen die Kranken vor allem aus Nord- und Mitteldeutschland, aber auch aus dem angrenzenden Ausland. Von den Strahlen profitieren vor allem Krebspatienten mit Tumoren, die man auf "normalem" Weg nicht erreichen kann, weil sie zu tief im Körper oder zu nah an gesundem Gewebe wie dem Sehnerv, dem Hirn oder dem Rückenmark liegen. Deshalb werden vor allem Hirntumore behandelt, aber auch Tumore in den Speicheldrüsen, Prostata­karzinome und Bauchspeicheldrüsenkrebs.

Vermehrt werden die Strahlen auch bei Kindern und Jugendlichen eingesetzt. So wurde ein zwölfjähriger Junge mit einem Hirntumor behandelt. Er konnte – wie die meisten Patienten des Ionenstrahl-Therapiezentrums – ambulant bestrahlt werden und kam über fünf Wochen hinweg täglich nach der Schule nach Marburg. Der Tumor ist inzwischen verschwunden.

Man kann die Strahlen sehr viel präziser und konzentrierter platzieren, erläutert die MIT-Direktorin Prof. Rita Engenhart-Cabillic. Dabei hinterlässt das Verfahren kaum Schäden in der Umgebung des Tumors und hat relativ wenige Nebenwirkungen. Sie geht davon aus, dass in Zukunft etwa 15 Prozent der Tumorpatienten, denen heute nicht mit konventionellen Methoden geholfen werden kann, von dem Verfahren profitieren könnten. Neben Krebspatienten werden auch Menschen behandelt, die unter Gefäßmissbildungen im Gehirn leiden. Geforscht wird noch über den Nutzen der Therapie bei speziellen Herzrhythmusstörungen sowie bei den Bewegungsunruhen von Parkinson­patienten. Zudem wird in Studien analysiert, welche Patientengruppen den größten Nutzen von der Strahlentherapie mit Partikeln haben.

Für die Kranken gibt es vier Behandlungsplätze, an denen Computer die optimale Strahlendosis für jeden einzelnen Punkt im Tumor berechnen. Bei Bestrahlungen des Kopfes werden Kunststoffmasken für die Patienten eigens angefertigt, die so mit der robotergesteuerten Patientenliege verschraubt sind, dass der Kopf völlig unbeweglich ist.

Das alles hat seinen Preis: Die Behandlung kostet etwa dreimal so viel wie eine konventionelle Strahlentherapie. Engenhart-Cabillic hält es trotzdem für eine günstige Therapie: "Ein neues Krebsmedikament kostet ein Vielfaches", sagt die Expertin.

Die hohen Kosten waren allerdings der Grund, warum das Ionenstrahl-Therapie­zentrum fast ebenso abgerissen worden wäre wie eine baugleiche Anlage in Kiel. Erst nach einem jahrelangen Gezerre wurde schließlich die Lösung durch die Zusammenarbeit mit dem Heidelberger Ionenstrahl-Therapie­zentrum (HIT) gefunden. Die Heidelberger, die 75,1 Prozent der Anteile halten, haben die Federführung.

Gesa Coordes

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